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PHILOSOPHIE
ALS SCHEINMANÖVER
Metapher,
Metamorphose und Ironie
in
den späteren Arbeiten
Baudrillards
Das Schallen der Sturmglocken,
das besonders in den seit 1976
publizierten Büchern
Baudrillards aufklingt, hat
für viele Leser einen
unheimlichen Klang. Trotz der
Tatsache, daß dieses
Glockengeläut den Philosophen
inzwischen bekannt vorkommt
Denker wie Nietzsche,
Heidegger und eine große
Anzahl französicher
Philosophen haben vor ihm
schon dauernd Lärm geschlagen
erregen der scheinbar
satanische Spaß, womit
Baudrillard extreme Ereignisse
mit einander verknüpft und die
lähmende Aussichtlosigkeit,
die dadurch erweckt wird auch
bei Ihnen Widerwillen. Trotz
seiner meistens
absurdistischen Stellungnahmen
kann man sich nur mit Mühe dem
Eindruck entziehen, daß
beängstigende Aspekte unseres
(post)modernen Lebens ans
Licht gebracht werden. Die
Kritik lenkt sich vor allem
auf den aporetischen Karakter
der Arbeiten Baudrillards, und
auf das Fehlen einer neuen
kritischen,
sozialtheoretischen
Perspektive. Sein Gesamtwerk
würde die absolute OGrad
kritischer Theoriebildung
sein. Indem er kritischer als
kritisch, daß heißt
"hypokritisch" ist, untergräbt
er seine eigene Thesen.
Jenseits jeder politischen
Ansicht, stellt er sich
"transpolitisch" hinterlistig
und entgegengesetzt auf. So
fragt er sich am Ende des
Buches Les stratégies
fatales (1983), ob die
fatale Strategien nun wirklich
existieren? Und wenn er
folgert daß es "vielleicht nur
eine fatale Strategie gibt:
die Theorie"(SF 201) und
anschließend behauptet, daß
"die Hypothese einer fatalen
Strategie selbst ebenso fatal
sein sollte"(SF 210) erregt er
unvermeidlich die Frage, ob es
nach diesem Buch noch ein
philosophisches Leben geben
könnte. Es sieht so aus, als
reproduzierte Baudrillard als
radikaler Nihilist in den
retorischen Bewegungen seiner
Texten nur die
selbstverständliche
Nichtssagendheit unserer
abendländischen Kultur. Damit
wir ein wenig Einsicht in die
Terror seiner 'fatalen'
Theorie enthalten, lese ich
Baudrillards spätere Arbeiten
im Hintergrund einer
philosophischen Debatte in
Bezug auf der Wert der
Metapher und ihrer Funktion
innerhalb des
postmetaphysischen Denkens.
Seine Bemerkung, daß "die
Verführung die Seienden dem
Reich der Metapher entzieht,
damit sie dem Reich der
Metamorphosen ausgeliefert
werden"(SF 159), kann meiner
Meinung nach nur von einer
zweispurigen Problematik aus
verstanden werden. Die erste
Spur fängt mit Nietzsche an
und führt über Heidegger zu
Derrida. Sie betrifft
besonders die De(kon)struktion
der Metaphysik. Die zweite
Spur fängt mit der
Zeichentheorie De Saussures an
und bekommt ihre Entfaltung in
der Lacanischen Transformation
der psychoanalytischen
Diskurs. Darin spielen
Metapher und Metonymie eine
führende Rolle. Indem ich
Baudrillards These, als hätte
die Metaphysik ein Ende
genommen und hätte die
Metapher keine Beredsamkeit
mehr, mit diesen Spuren
verbinde, möchte ich
nachweisen, daß seine Diskurs
die Tätigkeit der Metapher
eher voraussetzt als verneint.
Zunächst pflichte ich so weit
wie möglich seiner Ansicht
bei, dann schlage ich eine
mögliche Auslegung seines
Metamorphose-Konzeptes vor, um
schließlich seine These an
beide Spuren anzuschließen.
Dies mündet in eine Kritik an
den von ihm beabsichtigten
Übergang von Metapher nach
Metamorphose aus. Diese Kritik
richtet sich hauptsächlich auf
die Verwendung einer
retorischen Figur: die Ironie.
Diese sprachliche Strategie
wird von Baudrillard nicht
Subjekten, sondern sogenannten
reinen Objekten
zugeschrieben. Diese
fremdartige
Antropomorphisierung erweckt
beim Leser vielleicht einen
ersten Eindruck der
doppeltdeutigen
Zeichenproduktion der er
ausgeliefert wird.
1.
Hyperrealität: das Ende der
Realität
Wie
sieht nach Baudrillard die
Welt aus? Jedenfalls flüchtig.
Jedem tiefen Sinn entblößt
erweckt sie den Eindruck eines
kollageartigen Videoclips, in
dem die Bilder unerwartete
Verknüpfungen übernehmen, die
Individuen zum bestimmten
Verhalten anregen:
"Die
Dinge haben Wege gefunden der
Dialektik der Bedeutung von
der sie überhatten, zu
entfliehen: die unendliche
Proliferation, die
Potenzierung, das Hochtreiben
ihrer Wesen, in eine
steigernde Extremität, in eine
Obzönität, die von nun an als
ihre immanente Finalität und
ihre unsinnige Vernunft tätig
ist."(SF 7)
In unserer multimedialen
Konsumgesellschaft führen
Bilder und Objekte ein eigenes
Leben. Auch in den
Wissenschaften, durch eine
unermeßlichen Anhäufung der
sich gewöhnlich
widersprechenden Theorien
gekennzeichnet, hat jede
Wahrheit sich verflüchtigt.
Für Baudrillard zeugt die
heutige theoretische
Hyperaktivität denn auch eher
von intellektueller
Verzweiflung, als von einer
ständigen Akkumulation von
Wahrheiten. Theorien
produzieren höchstens
Trugbilder oder simulacra,
die nur suggerieren, daß es
eine Hinterwelt gibt. Die
Notwendigkeit der
Wahrheitsakkumulation wurde
vom Projekt der Aufklärung
eingegeben, das mittels einer
rigiden Entmythologisierung
die Emanzipation des modernen
Subjeks der Bürger, der
Arbeiter und seit kurzem fast
aller marginalisierten Gruppen
beabsichtigte. Im Gegensatz
zur Auffassung, daß das
Subjekt, weil es das Wahre und
das Gute verwirklicht, seine
Welt entmythologisiert und
objektiviert, damit es das
Schicksal in seine Geschichte
verwandelt, behauptet
Baudrillard, daß die
dialektisch gelenkten
Bedeutungsstrategien des
Subjekts nicht länger
maßgebend sind für unser
kollektives Verhalten. Der
Mythos des autonomen Subjekts
ist von der Ironie des
Schicksals überholt. Trotzdem
erkennt er an, daß "nichts
dagegen einzuwenden ist,
Bedeutung zu erlangen"(SF 46).
Aber dieses Verlangen wird
eher von Spektakelgier als von
Selbstdarstellung eingegeben.
Keines Übels bewußt, sind wir
von den Dingen verführt
worden; wir sind ihren fatalen
Strategien zum Opfer gefallen
und ihrer tödlichen Ironie
ausgesetzt:
"Es
ist nicht undenkbar, daß
dieselbe Effekte in der
entgegengesetzten Ordnung der
Verführung in Erscheinung
treten können. (...) Das
Universum ist nicht
dialektisch es ist den
Extremen, nicht dem
Gleichgewicht gewidmet. Dem
radikalen Antagonismus, nicht
der Aussöhnung oder der
Aufhebung. Auch dies ist das
Prinzip des Bösen, und es
äußert sich in dem boshaften
Genie des Objekts, in der
ekstatischen Form des reinen
Objekts, in seiner Strategie,
die über die Strategie des
Subjekts triumphiert."(SF 7)
Extremisierung der Waren von
einem wünschenden, der
Wahrheiten von einem
erkennenden, von Werte von
einem ethischen Subjekt. Nur
innerhalb eines hemmungslosen
Konsum der Produkte, Theorien
und Lebensstile könnte das
Subjekt noch erscheinen. Uns
wird ein Bild einer am
Wildwuchs ausgelieferten Welt
vorgegaukelt: ein Netz sich
chaotisch verästelnder
Ereignisse ohne Ursprung oder
Zweck. Zwecklos weil sie wie
Mitteln für jedes denkbare
Ziel eingesetzt werden können.
Was sich ankündigt, und was
den Leser wahrscheinlich so
beunruhigt, ist diese
"unerträgliche Schwerlosigkeit
der Existenz". Nach
Baudrillard hat der Wünsch der
Aufklärer alles wahrnehmbar
und erkennbar zu machen eine
völlig transparante, d.h.
obszöne Welt hervorgebracht,
in der jedes Kriterium, anhand
dessen man das Wirkliche vom
bloßen Schein unterscheiden
könnte, verschwunden ist.
Baudrillards These über das
Verschwinden einer
Wirklichkeit in den Simulacra,
stützt sich allerdings in
hohem Maße auf einige
geschichtsphilosophische
Prämisse. In L'échange
symbolique et la mort
(1976) schlägt er im Hinblick
auf unseren Umgang mit den
Dingen die folgende
Periodisierung vor: zunächst
ein Zeitabschnitt der
Imitation bis zur
französischen Revolution, dann
eine Periode serieller
Produktion im industriellen
Zeitalter, in dem das
Ursprüngliche sich allmählich
auflöst und zum Schluß eine
Periode der Simulation in der
postindustriellen Phase, in
der das Wirkliche durch und in
eine immanente Logik der
Warenzirkulation verschwindet:
"sobald
das Kapital zum eigenen Mythos
geworden ist (...), zu einer
Art gesellschaftlichen
genetischen Code,
erlaubt es keine Möglichkeit
eines bestimmten Umsturzes
mehr"(STT 31).
Nach der Meinung Baudrillards
sind Revolution und Utopie
überholte Begriffe. Unbemerkt
sind wir in einer
Hyperrealität angelangt, in
der "selbst die geschichtliche
Illusion, die die Hoffnung auf
die letztliche Konvergenz des
Realen und des Rationellen,
und folglich eine
metaphysische Spannung
ernährt, zunichte geworden
ist: das Reale ist das
Rationelle diese Vereinigung
ist verwirklicht im Zeichen
des Hyperrealen, die
ekstatische Form des
Realen"(SF 79). Unter Hinweis
auf das von Hegel erwartete
Endstadium der Geschichte,
deutet Baudrillard an, daß wir
dieses Ende schon
zurückgelassen haben.
3.
Transpolitik: der Exzeß und
das Ende der Politik
Die
völlige Politisierung des
abendländischen Daseins hat zu
einer transpolitiken Situation
geführt. In La
Transparence du Mal. Essais
sur les phénomènes extrèmes
(1990) heißt es, daß
"diese
paradoxale Existenz der Dinge,
daß zu gleicher Zeit die
vollständige Vollziehung einer
Idee, die Perfektionierung der
modernen Entwicklung, ùnd
deren Verneinung, deren
Liquidierung durch ihren
eigenen Exzeß, durch ihre
Ausbreitung über die eigenen
Grenzen hinaus ist, könnte in
eine und dieselbe Figur
gefasst werden:
Transpolitik."(TM 17/8)
Der Exzeß einer weltweiten
Politisierung offenbart sich
wie und in Form des
Terrorismus und der
Geiselnahme. Ein
Medienspektakel, in dem von
einem wirklichen Tausch keine
Rede sein könnte. Die Politik
hat seinen Griff verloren. Der
Terrorist fordert die Macht
heraus, seine Existenz zu
beweisen. In ähnlicher Weise
verführen die schweigenden
Mehrheiten die Macht. Sowohl
der Geisel als auch die Massen
fungieren als unerfaßbare, das
heißt reine oder fatale
Objekten. Die Macht versucht
zum Beispiel die Massen in den
Griff zu bekommen, indem sie
sie mit allerhand Zeichen
belegt. Die Medien
objektivieren die Massen in
der Form eines
Zuschauerpublikums, die Macht
wandelt zie um zur
Wählerschaft. Aber diese
hoffnungslosen Versuche
erklären, daß die Macht ihre
Existenz nur behaupten kann,
indem sie, sich an der
Verführung dieser fatalen
Objekten hingebend, ein finales
Objekt, das heißt eine
manipulierbare Vielheit,
simulieren. Unser
transpolitisches Dasein
impliziert, daß wir das Ende
der Zeiten "schon hinter uns
haben. Alles was Metapher
wäre, ist schon
materialisiert, in der
Realität eingebettet"(SF 76).
Totale Politisierung schlägt
um in Gleichgültigkeit, und
völlige Sozialisierung im
Sozialstaat bedeutet
zwangsläufig den Exzeß und das
Ende des Sozialen. In diesem
"begehrenswerten Zustand der
Transparanz, dem Zustand der
Versöhnung des Subjekts mit
der Welt"(SF 76) ist die
Utopie materialisiert. Der
'eindimensionale Mensch' hat
durch einer unbedingten
Hingabe an die Trugbilder
unbeabsichtigt seine
Entfremdung hinter sich
gelassen. In dieser Weise
verabschiedet Baudrillard sich
vom (neo)marxistischen Erbe,
von Entfremdung und
Emanzipation, von Repression
und Befreiung. Die kritische
Theorie hat ausgedient.
'Theoretischer' Umgang mit
einer hyperrealen Wirklichkeit
ist nur möglich, wenn "die
ewig kritische Theorie endlich
von einer ironischen
Theorie ersetzt worden
ist"(SF 101). Unser Verhalten
wird, so fährt Baudrillard
fort, nicht gelenkt von
unseren Bedürfnissen und
unseren Wünschen, sondern von
der Verführung der Objekten.
Unser Wunsch ist eher der
Effekt des Konsums der Waren,
Werte und Wahrheiten. Diese
Verführungsthese ist in seiner
soziologischen Gestalt schon
von Anderen ausgearbeitet,
sondern bei Baudrillard
bekommt sie eine nahezu
metaphysische Tendenz.
Nietzsches Nihilismus und
seine Frage nach dem Wert der
Werte ist radikalisiert worden
und mündet aus in
"das
was neu, originell,
unerwartet, genial ist,
nämlich die formelle
Gleichgültigkeit gegen den
Nutzen und den Wert, die
Priorität der rückhaltslosen
Zirkulation"(SF 133).
Die ironische Theorie widmet
sich darum nicht dem Gebrauchs
oder Tauschwert, sondern dem
Zeichenwert der Objekte oder
den Zeichenobjekten, zu denen
sie auch sichselbst zählt.
Dies ergibt eine unverwertbare
Theorie: Theorie und Praxis
sind unaustauschbar.
Individuen bekommen nur in und
durch Konsum der Zeichenwerte
eine Position in der
gesellschaftlichen Hierarchie.
Konsum ergibt Ansehen, er
sozialisiert und
individualisiert. Er
konstituiert Individuen als
wünschende Subjekte, so wie
der Konsum der Werte und
Wahrheiten sie beziehungsweise
zu erkennenden und moralischen
Subjekte umwandelt.
3.
Simulacra: das Ende der
Bedeutung
Die
exklusieve Betonung des
Zeichenwertes indiziert
Baudrillards radikale,
semiotische Perspektive. Wenn
er die Welt nur noch wie ein
Netz der Erscheinungen faßt,
und Erscheinungen anschließend
als "Zeichen, die keinen Sinn
durchlassen"(SF 66)
begrifflich bestimmt, bricht
er mit den Annahmen der
Saussurianischen
Zeichentheorie. Dieser
versteht das Zeichen
jedenfalls wie eine in sich
geteilte Entität, die durch
eine Äquivalenz von einer
äußerlichen, akustischen und
in einem abgeleiteten Sinne
einer visuellen Form (dem
Signifikanten) und einem
inhaltlichen Konzept (dem
Signifikat), Träger der
Bedeutungen sein könnte.
Bedeutung wird artikuliert von
minimalen gegenseitigen
Differenzen zwischen
Signifikanten und
Signifikaten. Lacan
radikalisiert dieses
Differenzprinzip. Mittels
seiner Anwendung dieser
semiologischen Kategorien auf
die Freudsche Gedankenwelt,
behauptet er, daß jede
positive Bedeutung (in letzter
Instanz: das Unbewusste) in
der immanenten Dynamik von den
und Interferenz zwischen den
Signifikanten das heißt
Baudrillards 'totaler
Kreislauf der Zeichen'
verschwindet. Meinte Freud
noch, daß das Unbewusste sich
uns mittels der Mechanismen
der Verdichtung und der
Verschiebung uns vorstellt,
Lacan poniert, daß die
Verhältnisse zwischen
Signifikanten (Träume, Tics,
Symptome und Fehlleistungen)
und des Signifikats oder die
Bedeutung (das Unbewusste)
völlig auflösen. Weil wir nur
mit Worten Zugang zum
Unbewussten bekommen, bleibt
dieses als Signifikat
unbegreiflich und ungreifbar.
Es ist nur ein
Bedeutungseffekt in der
Sprache. Der Wunsch verrinnt
in den Wörtern. Nur zeitlich
kann eine imaginäre Fixation
einer Verbindung zwischen
einem Signifikanten und einem
Signifikat stattfinden. In
diesem Moment meint das Ich
seine innerliche Wahrheit zu
fassen. Gerade von dieser
Fixation wird jedoch die
dynamische Wirkung des
ungreifbaren Unbewussten ganz
verneint, was auf die Dauer in
einer Neurose resultieren
könnte. Damit diese aufgelöst
wird, sollte in der Analyse
die Verschiebung wieder in
Gang gesetzt werden. Oder in
den Worten Lacans: indem der
Patient anerkennt, daß das
Unbewusste sich wie das Andere
im Ich durchsetzt. Dieses
Andere bekundigt sich immer in
der Sprache, die Lacan
zusammen mit dem Komplex der
kulturellen Errungenschaften die
symbolische Ordnung
nennt. Sobald ein bestimmtes
Selbstbild definitiv fixiert
wird, is die Dimension des
Anderen allerdings völlig
verschwunden. Kurz, eine
imaginäre Fixation führt zu
einem neurotischen Umgang mit
der äußeren und innerlichen
Welt. Fixation einer
imaginären Einheit und
Verschiebung in der
symbolischen Ordnung stimmen
mit zwei von Freud 'entdeckte'
Wirkungen der Traumarbeit
überein: beziehungsweize die
Verdichtung und die
Verschiebung. Seinen Ansichten
über die sprachliche Struktur
des Unbewussten gemäß, meint
Lacan diese Wirkungen in zwei
rhetorischen Figuren zu
erkennen: die Metapher und die
Metonymie. Die Wirksamkeit der
psychoanalytischen Arbeit
äußert sich dann in der sich
in und durch die Sprache
erreichenden Auflösung der
metaphorischen Fixation eines
imaginären Selbstbild und
einer neu eingesetzten
metonymischen Verschiebung.
Also, Baudrillards Kritik auf
Lacan betrifft diese
metaphorische Fixation oder
Verdichtung. Darin wird ja
noch eine Beziehung zu einer
angeblichen Wirklichkeit dem
Wunsch vorausgesetzt.
Baudrillards Weltanschauung
als sei sie eine Flut der
Erscheinungen, die wir nicht
im Griff bekommen, impliziert
offensichtlich eine
Verabsolutierung der
metonymischen Verschiebung.
Bedeutungseffekte werden bei
Baudrillard zu Simulacra.
Implizit kritisiert er damit
die lacanische Einsicht in
Bezug auf den Wunsch, der
jedenfalls noch eine
Ichgelenkte Aktivität
andeutet. Dieser Wunsch ist
nun ganz von der souveränen
Wirksamkeit der
verführerischen Zeichen oder
Zeichenobjekte bestimmt.
4.
Pataphysik: Ende der
Metaphysik, Ende der
Metapher
In
Les stratégies fatales
ist nicht nur mit dem Wunsch,
sondern auch mit der
ursprünglichen Bedeutung
abgerechnet geworden. Damit
schließt Baudrillard sich an
eine lange Reihe Philosophen
an, die mit Nietzsche anfängt.
In der Destruktion der
Metaphysik bei Nietzsche
spielt die rhetorische
Wirksamkeit der Sprache eine
hervorragende Rolle. Wahrheit
bis dann hauptsächlich wie
Übereinstimmung vom Denken und
Dinge aufgefaßt ist nichts als
"ein
bewegliches Heer von
Metaphern, Metonymien,
Anthropomorphismen, kurz, eine
Summe von menschlichen
Relationen, die, poetisch und
rhetorisch gesteigert,
übertragen, geschmückt
werden...".
Kurz, ein illusoires
Bedeutungseffekt. Aber
Kritiker von Nietzsche weisen
daraufhin, daß er mit der
Verabsolutierung der Metapher,
jedes Kriterium für das
Unterschied zwischen
Wirklichkeit und Schein
aufgegeben hat. Damit dieses
Problem des 'letzten
Metaphysikers' vermieden
werden kann, ändert Heidegger
den Status der Metapher, um
sich mittels einer anderen
Sprache aus der Metaphysik
heraus zu lösen. Diese
Destruktion vollzieht sich
durch die Aktualisierung der
anfänglichen Bedeutung des
Wahrheitsbegriffes: aletheia
oder Unentborgenheit. Wahrheit
wird als doppeldeutiges Ereignis
aufgefaßt, in dem das Seiende
erscheint, sondern in dem zu
gleicher Zeit Verborgenheit
herrscht:
"Im
entbergenden und zugleich
verbergenden Seinlassen des
Seienden im ganzen geschieht
es, daß die Verbergung als das
erstlich Verborgene
erscheint."
Derrida prolongiert Heideggers
Projekt. Er meint, daß wir uns
nicht befreien können aus der
metaphysischen Diskurs. Nur
eine an hand von Texten
durchgeführte, dekonstruktive
Arbeit bietet Möglichkeiten
das Andere in den Randgänge
der Diskurs verstummen und in
der Schriftur als anwesend
zuzulassen. Seiner Meinung
nach setzt Heideggers
Seinsfrage noch immer eine
Anwesenheit und Eigentlichkeit
voraus, wenn diese auch nicht
im Subjekt, sondern im Sein
als 'Ereignis' gefunden
werden. Dieses Problem
vermeidet Derrida, indem er
die Spannung zwischen Sein und
Schein in die Wirksamkeit der
différance situiert,
die, Eigentlichkeit und
Anwesenheit nicht
voraussetzend, sondern
konstituierend, wie eine Spur
auffaßt:
"Da
die Spur kein Anwesen ist,
sondern das Simulacrum eines
Anwesen, das sich auflöst,
verschiebt, verweist,
eigentlich nicht stattfindet,
gehört das Erlöschen zu ihrer
Struktur. (...) Paradox an
einer solchen Struktur ist, in
der Sprache der metaphysik,
jene Umkehrung des
metaphysischen Begriffs, die
den folgenden Effekt
produziert: das Anwesende wird
zum Zeichen des Zeichens, zur
Spur der Spur."
Aber trotz der Unterschiede
zwischen Heidegger und
Derrida, stimmen beide mit
Lacan in dieser Hinsicht
überein, daß sie mit dem immer
zurückziehenden 'Ursprung'
eine postmetaphysische
Spannung aufrechterhalten, die
eine Signifikation ermöglicht.
Baudrillard erweckt den
Anschein, daß er diese
Spannung auflöst: die
"Konvergenz zwischen dem
Realen und dem Rationellen"
ist erreicht in "dem Zeichen
des Hyperrealen".
Theoriebildung verliert durch
diese Konvergenz seine
kritische Potenz. Kritik wird
höchstens eine
Simulationstaktik, ein Spiel
mit imaginären Bildern, das
haargenau tautologisch ist. So
ändert Metaphysik sich in Pataphysik:
"die tautologische und
groteske Perfektion der
Wahrheitsprozeße"(SF 79). Oder
wie Baudrillard es früher in A
l'ombre des majorités
silencieuses, ou la fin du
social (1978)
ausdrückte, eine Wissenschaft
"imaginärer
Lösungen, eine Wissenschaft
der Simulation und der
Hypersimulation einer exakten,
wahren und objektiven Welt mit
universellen Gesetzen,
inklusiv das Geschwätz von
denen die ihr diesen Gesetzen
gemäß interpretieren" (OMS 38)
Baudrillards fatale Theorie
wäre, gerade weil sie sich
ihrer simulierenden Aktivität
bewußt ist, nicht
pataphysisch. Wir haben schon
bei Nietzsche gefolgert, daß
die Metapher in dieser
'postmetaphysischen' Debatte
ihre übertragende Bedeutung
verliert: sie kann dann nicht
mehr zum ursprünglichen
Konzept (De Saussures
Signifikat) reduziert werden.
Auch Heidegger meint, daß "mit
der Einsicht in das
Beschränkte der Metaphysik
wird auch die maßgebende
Vorstellung von der 'Metapher'
hinfällig" und weil es "das
Metaphorische nur innerhalb
der Metaphysik (gibt)" deutet
das Ende dieser auch die
Transformation jener an. Die
Metapher deutet nicht mehr
unmittelbar auf das
'ursprüngliche' Konzept hin,
sondern bietet doch die
Möglichkeit, die
unergründliche Tiefe des Seins
momentan zu eröffnen. Derrida
meint wiederum, daß jede Frage
nach der 'eigentlichen'
Bedeutung der Metapher
unvermeidlich neue Metaphern
produziert. Diese Regressus
artikuliert sich in der
postmetaphysischen Spannung
der Différance. Derrida
beabsichtigt die
Dekonstruktion versteinerten
Metaphern (Substanz, Begriff,
Konzept) mittels
'supplementärer', lebendiger
Metaphern. Konstruktion und
Dekonstruktion erweisen sich
als zwei systematische Momente
ein und derselben
philosophischen kritischen
Aktivität. Baudrillard ist
jedoch weniger reserviert in
seinem Urteil über die
Metapher. Unter der
Voraussetzung seiner
Eindimensionalisierung der
Wirklichkeit und der
Gleichgültigkeit oder
Indifferenz der reinen
Objekte, gibt es keine
Möglichkeit mehr gerade durch
das Fehlen einer endgültigen
Orientierung oder sogar einer
zurückziehenden Bewegung einer
'Ursprünglichkeit' die
Metapher vom ursprünglichen
Konzept zu unterscheiden.
Metaphern werden zu Simulacra,
die bestenfalls eine
Hinterwelt simulieren. Für
Baudrillard ist mit dem Ende
der Metaphysik die Metapher
entkräftet.
5.
Vom moralischen Wunsch zur
unmoralischen Verführung
In
Les stratégies fatales
stellt sich heraus, daß die
Kritik an die Metaphern direkt
das Statut des Wunsches
trifft. Nicht nur Lacan,
sondern auch Denker der
Differenz wie Foucault,
Irigaray und Deleuze werden
angegriffen. Diese Denker
'demaskieren' freilich die
freudschen mythischen
Metaphern und kritisieren die
aus diese hervorgehenden
ontologischen und
sozialpolitischen
Implikationen, aber diese
Dezentrierung des
fallozentrischen,
subjektorientierten Wunsches,
führt nach Baudrillards
Meinung implizit zu einer
neuen Ontologisierung:
beziehungsweise 'dem Körper
mit seinen Lüsten', dem
'Weiblichen' oder dem
'schizo'Wunsch. Ich laße
dahingestellt sein, ob diese
Kritik einen guten Grund hat.
Auf jeden Fall versucht
Baudrillard seine Leser zu
überzeugen, daß die Denker der
Differenz sich von ihren
eigenen 'Demaskierungen'
täuschen lassen haben. Seiner
Meinung nach glauben sie noch
an eine 'Wirklichkeit' und
sind sie sich noch nicht
ausreichend den ontologischen
Implikationen ihrer eigenen
Theorien bewußt, und
besonders, daß diese wieder
neue Simulacra produzieren.
Sie hätten übersehen, daß die
Metaphern Freuds in eine
andere eingebettet sind: die
Metapher des Wunsches,
aufgefaßt als Motor des
menschlichen Verhaltens. Wie
gesagt, ist es jedoch nicht
dieser moralische, aus
Differenzen hervorgehende
Wunsch des Subjekts, sondern
die unmoralische Indifferenz
der reinen oder fatalen
Objekte wie der unfaßbare
'Körper' durch die unser
Verhalten bestimmt worden ist.
Dies impliziert, daß
Baudrillard sogar die sexuelle
Differenz eine Bitte ablehnen
sollte. Es ist
"eine
Mystifikation die sexuelle
Differenz für den
ursprüngliche Unterschied zu
halten, aus dem alle andere
hervorgehen oder, wovon sie
nur Metaphern sind"(SF 116).
In De la séduction
beschreibt er wie die
'Wahrheit' des Wunsches in und
durch Porno simuliert wird.
Diese Ekstatisierung der Sex
in eine hyperreale
Wirklichkeit, eingeflüstert
von der Faszination des
Spektakels, gaukelt uns vor,
daß es
"irgendwo
eine gute Sex gebe, denn
(Porno ist) davon eine
Karikatur. In seiner grotesken
Obszönität ist es ein Versuch
die Wahrheit der Sex zu
retten"(S 57).
Diese Simulation verführt uns
dazu zu glauben, daß es eine
normale Sexualität gibt, die
den idealen Gebrauchswert des
Körpers andeute. Dieser letzte
Wert könnte als ultime
Bedeutung unseres Wunsches
'befreit' worden. Aber die
vollständige Sexualisierung
unserer Gesellschaft hier
zielt Baudrillard besonders
auf den Einfluß der lacanisch
orientierten,
psychoanalytischen Diskurs
nach der angeblichen sexuellen
Revolution, hat dazu geführt,
daß diese Diskurs jeden Sinnes
entblößt ist. Wir leben in
einem sinnlosen, transsexuellen
Zeitalter. Insoweit der
abendländische Wunsch
charakteristisch
fallozentrisch ist, könnte der
Mann "als Subjekt nur das
Spiel der Metaphern spielen",
aber "wirft die Frau jede
Metapher von sich und wird
folglich ein fatales Objekt,
das das Subjekt ins Verderben
wirft"(SF 137). Die Redensart
'femme fatale' bekommt eine
äußerst Prägnante Bedeutung.
Umfaßt der Wunsch noch die
wahre Liebe, damit er ihre
letzte Wahrheit entdecken und
ihr Geheimnis entschleiern
kann, die Verführung lebt
gerade von dem Verschwinden
der Wahrheit in ein Geheimnis,
das nie demaskiert werden
kann: "Verschwinden, das ist
sich zerstreuen in der
Erscheinungen"(ALM 42) und das
Geheimnis ist "die Regeln des
Spiels der Erscheinungen"(SF
71), unter denen Baudrillard
Zeichen versteht, die keinen
Sinn mehr durchlassen. Diese
Erscheinungen gehen
unmittelbar und unvermittelt
in einander über. Sie
metamorphosieren: "Die
Herrschaft der Metamorphose
ist letztlich die der
Verführung"(ALM 42). Diese
Metamorphose ist ein
heidnisches Phänomen, das nach
der christlichen
Konstituierung des Wunsches
von dem Mangel und der
Purifikation mittels des
Konzepts der Erbsünde
verschwindet: "unser Körper
ist nicht mehr heidnisch und
mythisch, es ist christlich
und metaphorisch Körper des
Wunsches und nicht der
Fabel"(ALM 44). Es ist einen
Nietzsche vonnöten, um diese
Welt wieder in eine Fabel
umzuwandeln.
6.
Metamorphose:
Unmittelbarkeit der Metapher
Die
Verführung
"entzieht
die Seienden dem Reich der
Metapher, damit sie dem der
Metamorphosen ausgeliefert
werden. Sie entzieht die
Seienden dem Reich der
Interpretation, damit sie dem
der Divination ausgeliefert
werden. Sie ist eine
einweihende Form, und sie gibt
den Zeichen ihre Herrschaft
zurück"(SF 159).
Wenn Metaphern zu Simulacra
werden und diese sich nur noch
in Scheinmanöver
aneinanderreihen, kann
Baudrillard dieser Prozeß
nicht anders als ein
Metamorphosieren verstehen.
Aber was können wir,
abendländische Individuen
einer entmythologisierten,
modernen Welt uns dabei
vorstellen? In Masse und
Macht (1960) bezeichnet
Canetti die Metamorphose wie
"die Fähigkeit des Menschen
zur Verwandlung, die ihm so
viel Macht über alle übrigen
Geschöpfe gegeben hat ..."(MM
66) und assoziiert er sie
zunächst mit den
Initiationsriten 'primitiver'
Gesellschaften. Die
Identitäten, die aus den
Zeremonien resultieren eignet
man sich nicht zu; man
empfängt sie wie eine Gabe:
"Niemand darf sich die
Verwandlung, die als fester
Besitz überliefert wird, ohne
ein Recht auf sie aneignen"(MM
118). Die Verwandlung ist nie
dem Willen des Individuums
untergeordnet, sondern ist ein
Ereignis von außen. Aber es
geht auch nicht um eine
Identifikation oder
Einfühlung:
"Nachahmung
ist etwas Äußerliches,
sie setzt etwas voraus, das
man vor Augen hat, dessen
Bewegungen man kopiert. (...)
Über die innere
Verfassung dessen, der
nachahmt, ist damit nichts
ausgesagt."(MM 106/7)
Die Verwandlung vollzieht sich
eher auf der Grenze zwischen
Innerlichkeit und
Äußerlichkeit, das
Grenzgebiet, wo Sein und
Schein nicht mehr zu trennen
sind. Höchstinteressant ist
die Darstellung Canetti's
bezüglich der Vermummung oder
der Maske, in der die
metamorphosierenden
Verschiebung zeitlich auf die
Grenze fixiert wird. Die
Bedeutung der Maske ist:
"Sie
ist ein Endzustand. Das fluide
Treiben unklarer, halb
ausgegorener Verwandlungen,
deren wunderbarer Ausdruck
jedes natürliche, menschliche
Antlitz ist, mündet in die
Maske; es endet in ihr."(MM
113)
Die Maske, so können wir mit
Baudrillard behaupten, ist
keine Metapher, sondern ein
Simulacrum. In unserer,
modernen, entzauberten Welt
tritt das Metamorphosieren nur
noch in Erscheinung in
bestimmten Lagen, in denen das
Subjekt seinen Griff auf die
Dinge verliert. Canetti weist
auf vielerlei
psychopathologische Phänomene
hin, wie die Hysterie. Diese
ist "nichts anderes als eine
Reihe von heftigen
Verwandlungen zur Flucht"(MM
76). In Bezug auf das Delirium
macht er zwei Bemerkungen, die
für unsere Optik von äußerster
Wichtigkeit sind. Kräpelin
zitierend behauptet Canetti,
daß "unter den
Trugwahrnehmungen des
Deliriums Tremens diejenigen
des Gesichts pflegen
zu überwiegen"(MM 93). Und
einige Seiten weiter sagt er,
daß, im Gegensatz zu den
primitiven Metamorphosen, die
'modernen' "... sich immer
außerhalb des Kranken
abspielen; auch wenn er sie
als Wirklichkeit erlebt,
verwandeln sie nicht ihn
selber"(MM 99). Die
Metamorphose ist für die
moderne Wissenschaft nur noch
ein äußerlicher visueller
Prozeß, dem das zerrissene
Subjekt ausgeliefert wird.
Doch setzen die wechselnden
Bilder immer noch einen
unerschütterlichen Ursprung
voraus: das Subjekt. Das
nahezu nostalgische Interesse
Baudrillards für primitive
Gemeinschaften tritt in L'échange
symbolique et la mort
hervor. In diesem Buch
beschreibt er auf skizzenhafte
Weise wie diese Gemeinschaften
noch von einer eindeutigen,
symbolischen Beziehung
zwischen den Zeichen und einer
kollektiv erlebten
Wirklichkeit konstituiert
sind. Jeder Tausch bezieht
seinen Wert einem Opfer, einer
exzessiven Gabe, in der der
Tod aufgehoben wird. Es ist
diese Todeserfahrung, in der
sich alles metamorphosiert.
Das Opfer, der symbolische
Tausch, ermöglicht diesen
Prozeß der Verwandlung. Man
darf 'symbolisch' hier aber
nicht auf lacanischen Weise
interpretieren:
"Das
Symbolische ist weder ein
Begriff, noch eine Instanz
oder eine Kategorie, noch eine
'Struktur', sondern ein
Tauschakt und eine soziale
Beziehung, die das Reale
beendet und auflöst; und
zugleich löst es den Gegensatz
von Realem und Imaginärem
auf."(STT 209)
Lacans Unterschied zwischen
der realen, imaginären und
symbolischen Ordnung, bekommt
eine fundamental anderen
Auslegung. Die Bedeutung, die
spätere Gesellschaften den
tatsächlichen Tod beimessen,
schafft, so meint jedenfalls
Baudrillard, gerade das
Unterschied zwischen realer
und imaginärer Ordnung und in
abgeleiteter Weise zwischen
Sein und Schein. Ein Gegensatz
der vorher durch die
symbolische Tauschhandlung
ausgeschloßen wurde. Mit dem
Begriff 'symbolisch' deutet
Baudrillard also eher auf die
Zerstücklung als auf die
Konstituierung des Ichs. Nur
in zwei andere Texte bringt
Baudrillard das Phänomen der
Metamorphosen zur Sprache. In
beiden gibt es einen Hinweis
auf die primitiven Kulture. In
Simulacres et Simulation
(1981) im Artikel "Les bêtes,
territoire et métamorphose"
verkettet er den
metamorphosierenden Charakter
des Tieropfers mit der
spezifischen Erfahrung der
Zeit. Es handelt sich hier
nicht um eine dialektisch
lineare, sondern um eine
zyklische Erfahrung der Zeit,
in der, gerade durch das
Fehlen der Erfahrung von
Akkumulation, Emanzipation und
Entwicklung, der Prozeß der
Verwandlung unendlich
stattfinden kann. Dieser
zyklischen Erfahrung der Zeit
entbehrt die ultime Einteilung
der Wirklichkeit in
Dichotomien: "... der Kreis
ist symbolisch: er
tilgt die Positionen in einer
reversibelen Verkettung"(SS
196). Baudrillard konstatiert
also, daß zusammen mit dem
Verschwinden einer sakralen
Ordnung und mit der
Transformation einer
zyklischen in eine
dialektische Erfahrung der
Zeit, auch die Metamorphose
verschwindet. Daß er aber in Les
stratégies fatales die
Metamorphose trotzdem als
Nachfolger der Metapher
bezeichnet, darf, im Hinblick
auf die oben implizierte
Chronologie wenigstens
Befremden erregen. Aber wenn
wir diese 'ontologischen'
Erscheinungen in die
Terminologien der Semiotik
übersetzen, wird sofort
erklärt, daß die Reihe als
Simulacra aufgefaßten
Metaphern nichts anderes als
ein Prozeß der Metamorphose
sein könnte. Signifikanten
gehen unvermittelt in
einander über. Es handelt zich
jedoch nicht um Verwandlungen
der Individuen, sondern der
reinen Objekte. Oder wie
Baudrillard es in dem Kapitel
"Métamorphose, métaphore et
métastase" in L'autre par
luimême (1987) in Worte
faßt:
"Sobald
Prozesse von der Analyse in
Bedrängnis gebracht werden,
drehen sie sich um, gerade wie
die Erscheinungen sich
metamorphosieren, sobald sie
von dem Sinn in die Enge
getrieben werden."(AM 127)
In diesem Zitat wird die
frühere Chronologie
wiederherstellt. Die Ekstase
der Signifikation, der
Wildwuchs oder die Metastase,
"die Machtssteigerung, 'die
steigernde Potenz'", steht
gegenüber dem dialektischen
Moment, "'der dialektischen
Aufhebung', die die Bewegung
der Transzendenz ist"(SF 36).
In dieser Weise sind wir beim
Anfang von Les stratégies
fatales zurückgekehrt.
Dort hat Baudrillard die
Metamorphose wie eine
"ekstatische Form"(SF 8), die
der Mode und den Medien zu
eigen ist, bezeichnet. Seine
Auffassungen im Bezug auf den
Medien verraten den Einfluß
der Medienanalysen Marshall
McLuhans. McLuhans Betonung
der Autonomie der Medien "The
medium is the message" mündet
jedoch in die
Wiederherstellung der
autonomen Subjektivität aus.
Bei Baudrillard ist keine Rede
davon. Sprechend über
Erscheinungen und den
Kreislauf der Verwandlungen,
scheint er eher auf die Weise
an zu spielen, in der wir wie
in einem Delirium tremens,
Kanal nach Kanal, mittels und
in den Medien den Prozeß des
Metamorphosierens wahrnehmen,
ùnd in ihrem Konsum an uns
selbst vollziehen. Durch die
Aufhebung des
subjektorientierten Wunsches
und der radikalisierung des
Scheins als Schein oder das
Medium als 'message' verlieren
die Dichotomien InhaltForm,
SignifikatSignifikant,
SeinSchein ihre Wirksamkeit.
Ein letztes Beispiel zum
Schluß aus Les stratégies
fatales. Dort weist
Baudrillard im Hinblick auf
dieser intentions und
interessenlosen Affirmation
der Zeichen auf die Gesetzte
des Manus hin, in denen das
Verhalten der Brahmanen
peinlich genau aufgezeichnet
ist: "Keinerlei Metaphern,
keinerlei Rhetorik, keinerlei
Allegorie oder Metaphysik ist
in den Gesetzen des Manus
aufzufinden"(SF 186). Die
Zeichen nötigen zu absoluter
Befolgung, wodurch sie ihre
höchste Intensität bekommen.
Form und Inhalt lösen sich in
dieser Intensität auf, die
Wunsch noch Bestimmung kennt.
Die Faszination der Form
(Schein, Äußerlichkeit,
Simulacrum), ihre strikte
Befolgung ohne einigen Wunsch
oder Befriedigung, die Hingabe
an der Verführung durch die
völlig von Sinn und Sein
entblößten Zeichen ist nicht
als eine Affirmation des
Scheins als Schein.
7.
Eine neue, postmetaphysische
Spannung: Verführung
Die
Auflösung der Metapher in die
Metamorphose scheint, den
Voraussetsungen Baudrillards
gemäß, eine
selbstverständliche Sache. Ich
bin jedoch der Meinung, daß es
notwendig ist einige
Bemerkungen zu machen, die
seine These der fatalen
Theorie unmittelbar treffen.
Zunächst drängt sich die Frage
auf, ob eine Metamorphose an
sich eben zu fassen ist. Ob es
nicht immer wenn auch in der
Form eines sich in der Sprache
ankündigenden, aber sich
dennoch immer entziehenden
'Ursprung' noch eine dritte
Gestalt braucht, aus der ein
Wechsel denkbar ist.
Baudrillard ist sich dies
zutiefst bewußt. Ursprünge und
Ziele sind zwar verschwunden,
aber durch die Verführung hat
er eine neue Spannung
geschaffen, durch die eine
sinnvolle Diskurs noch
ermöglicht wird. Das fatale
oder reine Objekt ähnelt dem
Anderen von Lacan, sei es, daß
es sich nun wie ein Simulacrum
in der Sprache ankündigt. Das
subjektobjekt Verhältnis ist
nicht aufgelöst, sondern
umgekehrt, wodurch eine
postmetaphysische Spannung
geschaffen wird, die durchaus
Raum bietet für eine
andersartige Metaphorik. Die
von Baudrillard häufig
verwendeten astrophysischen
Metaphern und seine
Anthropomorphosierung des
Objekts sind davon die
sprechenden Zeuge. Durch
dieser Umkehrung wird die
Spannungskurve zwischen der
Wirklichkeit und der Theorie
aufrechterhalten, was
Baudrillard später in L'autre
pas luimême tatsächlich
bestätigt. Auf die sich selbst
gestellte Frage: warum
Theorie? antwortet er:
"ihr
Verhältnis ist eines der
gegenseitigen Herausforderung.
Denn das Reale ist zweifellos
nicht anderes, als die
Herausforderung der Theorie.
Kein objektiver Zustand der
Dinge, sondern ein radikales
Limit der Analyse ..."(AM 84)
Mir erscheint es, daß dieser
Begriff des Limits wie ein
zurückweichender Horizont
Derrida's Begriff der
Différance ähnelt.
8.
Ironie und metaphorisches
Bewußtsein
Obgleich
Baudrillard in Les
stratégies fatales dem
Subjekt jede Ironie verweigert
und 'ironische Strategien' nur
den Objekte vorbehaltet,
dürfen wir nicht aus den Augen
verlieren, daß alle seine
Werke von einem typischen
'ironischen Pathos' gefärbt
ist. Eine Leidenschaft, die er
mit anderen postmodernen
Kulturkritikern teilt:
"Es
ist nicht der fall, daß ich in
einer logisch konstruierten
Kritik die Negation
hineinbringe. Es ist eher eine
Frage der Ironie. Es
entwickelt sich ein Prozeß, in
dem man ein System, einen
Begriff oder eine
Argumentation zur äußersten
Grenze treibt und diese
folglich über die Grenze
hinausstößt, damit sie über
ihre eigene Logik stolpern..."
Wenn er in einem anderen
Kontext erklärt, daß eine
derartige Strategie fordert,
"daß man ein Objekt wird, eine
Art Schicksal", dann nimmt
seine Zuteilung der Ironie an
die Objekte eine überraschende
Wendung. Es sieht so aus,
alsob der Schriftsteller
Baudrillard sichselbst in
seinem Text 'objektiviert',
alsob er sich nicht sosehr "an
seinem eigenen Text vorbei"
schreibt, sondern vielmehr in
seinem Text mit einschließt.
Gegeben dieser ironische
Einsatz, scheint Baudrillard
in tückischer Weise zu tarnen,
daß seine Diskurs gerade durch
die Metapher zur Geltung
kommt. Seine ironische
Einstellung zu einer
offensichtlich verschwundenen
Wirklichkeit, enthält
jedenfalls ein negatives
Urteil: der modernistische
Umgang mit der Welt hat
ausgedient, nicht im
Geringsten weil die Dinge
selbst sich erhoben haben.
Gerade dieser parasitären
Beziehung entnimmt
Baudrillards Diskurs eine
angespannte Zweckmäßigkeit.
Wenn wir diese parasitäre
Beziehung in die Terminologie
Lacans übersetzen, können wir
alle Kategorien, auf deren
Ende Baudrillard hindeutet das
Soziale, die Politik, die
Geschichte, das Subjekt als
metaphorische Fixationen
deuten. Seine Anwendung der
Ironie inpliziert eine
Problematisierung dieser
imaginären Bilder. Es wird
beim Leser an sein
metaphorisches Bewußtsein
appelliert, das eine Beziehung
zwischen der Sprache und der
außersprachlichen Wirklichkeit
voraussetzt. Die Ironie
problematisiert anschließend
diese Beziehung. So stellt
sich heraus, daß "die
ironischen Strategien des
Objekts" und die "Ironie des
Schicksals", Funktionen des
menschlichen Bewußtseins sind,
das mit dem Scheitern seiner
"banalen Strategien"
konfrontiert wird: "Die Wege,
die die Dinge gefunden haben,
um der Dialektik zu entrinnen"
sind vielleicht gepflastert
mit den Desillusionen des
enttäuschten Subjekts
Baudrillard. Damit wir die
Metamorphose denken können,
wird eine metaphorische
Fixation gefordert. Ist es
fundiert und verantwortet die
Metamorphose Baudrillards als
die lacanische metonymische
Verschiebung zu verstehen? In
Les stratégies fatales
gibt es diesen Terminus noch
nicht, aber in seinem letzten
Buch La Transparence du
Mal taucht er plötzlich
auf. Da heißt es, daß "die
Metonymie (der Ersatz des
Ganzen und der einzelnen
Teile, die totale Kommutation
der Termini) sich heute auf
die Enttäuschung der Metapher
basiert"(TM 16). Trotz seiner
Kritik auf Lacans Theorie über
den Wunsch, übernimmt
Baudrillard selbst durchaus
diese problematischen
Komponente. Auch bei ihm
stellt es sich heraus, daß die
metonymische Verschiebung nur
von einer metaphorischen
Verdichtung zu einem
imaginären Bild ermöglicht
wird. Die Metapher
verschwindet also nicht. Nur
eine bestimmte Fixation,
derzufolge wir einem
neurotischen Umgang mit der
Welt und mit unserer
Innerlichkeit ausgeliefert
sind, wird in Frage gestellt:
die Subjektivität. Die
ironische Strategie
Baudrillards oder besser: die
von dem sichselbst
objektivierenden Baudrillard
eingesetzte fatale Strategie
besteht darin, daß er die
Verschiebung dem Anschein nach
verabsolutiert. Infolge der
verführerischen Wirksamkeit
der reinen Objekte, erscheint
das lacanische Andere, wodurch
die imaginäre Verbindung mit
dem modernen Subjekt auflöst:
"Vielleicht
führen wir hiermit eine
kollektive und ironische
Existenz ein, die, in seiner
extremen Weisheit, nicht mehr
an seine eigenen Grundlagen
appelliert und sich nur noch
in das Spektakel seines
Verschwindens verlieren
wollte."(SF 144)
Ein Spektakel, das in der
Sprache aufgeführt wird. Ein
Spiel von Erscheinen und
Verschwinden, das sich
ausschließlich in Texten
vollziehen kann.
Nichtpataphysische Texte, weil
Baudrillard eben keine
"Wissenschaft der imaginären
Lösungen", sondern nur eine
Lösung des Imaginären und
damit des Realen mittels eines
symbolischen Tausch in der
Sprache beabsichtigt. So wird
seine These der fatalen
Theorie von seinem Schreibstil
illustriert. Mittels einer
Verschlingung der Form und
Inhalt scheint es mir zu, daß
Baudrillard ein radikal
hypothetisches Spiel spielt:
"Es ist mehr ein hypothtisches
Spiel. Zuerst hatte ich eine
fast McLuhanartige Hypothese
...". Viele Anmerkungen in Les
stratégies fatales sind
von gleichem Inhalt: "Wie dem
auch sei, bezaubernt ist die
Hypothese...", aber "die
('wissenschaftliche')
Hypothese einer toten
Objektivität des Universums
die ist unwahrscheinlich"(SF
92). Warum ist nicht klar,
weil es keine
Verifikationsmöglichkeiten
mehr gibt. Hypothesen können
nur spektakulär sein. Sie
müßen bezaubern. So ist
"es,
schon nur zur Abwechslung,
interessant die Masse (...)
aufzufassen wie eine Herrin
einer delusiven, illusiven,
allusiven Strategie, verbunden
mit einem Unbewußten, das
endlich ironisch, fröhlich und
verführerisch ist"(SF 109).
Vielleicht könnte Baudrillards
Anmerkung auf der letzten
Seite verstanden werden als
ein Hinweis auf das Spiel, das
er mit den Lesern spielt:
"Alles
läßt sich am Ende
folgenderweise resumieren:
behaupten wir für einen Moment
die Hypothese, daß die Ordnung
der Dinge eine fatale und
rätselhafte Voreingenommenheit
kennt."(SF 211)
Dadurch, daß Baudrillards
Projekt an die philosophische
Debatte über den Status der
Metapher angeschlossen wird,
können wir das großzügige
Spiel zwar mit einschließen,
aber nie widerlegen. Seine
Hypothesen sind nicht zu
falsifizieren. Die sich
aneinanderreihende
Signifikanten bilden einen circulus
vitiosus, einen
Teufelskreis. Einmal in diesem
Sprachspiel eingetreten, sich
wir genötigt das von seinen
Regeln bestimmten Spiel zu
spielen. Die Abgrenzung seines
totalen Projekts fordert eine
Distanz, die in dem Spiel der
völligen Zirkulation der
eindimensionalen Zeichen, d.h.
Signifikanten, aufgelöst wird.
Im Spiel kann Baudrillard
nicht 'demaskiert' werden,
weil hinter jede Maske, auf
der Grenze zwischen Sein und
Schein, immer wieder eine neue
Maske, ein neues Simulacrum
erscheint.
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