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Macht
und Widerstand im Denken Michel
Foucaults
Seit dem Erscheinen des Buches Surveiller
et punir im Jahr 1975 wird
Michel Foucault als der Philosoph
der Macht angesehen. In diesem
Buch vertritt er die Ansicht, dass
die Milderung im Strafvollzug der
letzten Jahrhunderte in erster
Linie kein moralisches Phänomen
ist. Diese kann nicht als Folge
einer humanitären Entwicklung
aufgefasst werden. Eher ist sie
durch eine fundamental andere
Wirkung der Macht seit dem Anfang
der modernen Zeit, d.h. seit etwa
1800, zu erklären. Ein Jahr später
beschriebt er in La volonté de
savoir unsere Sexualität als
eine Folge positiver und
produktiver disziplinärer
Machtwirkungen statt bürgerlicher
Repression. Die vermeintliche
Allgegenwart der Machtwirkungen
lässt den Verdacht entstehen, dass
Widerstand gegen diese ungreifbare
Macht unmöglich geworden ist.
Foucault beschränkt sich im
Hinblick auf möglichen Widerstand
auf sehr allgemeine Bemerkungen.
Diese Behutsamkeit ergibt sich aus
seiner Verweigerung, im Namen
deren zu sprechen,die sich gegen
die Macht empören. Doch kreist
sein Denken im Sprechen über die
Macht fortwährend um den
Widerstand. Die Erfahrung des
modernen Menschen in seiner
Innerlichkeit die Subjectivität
ist ein Produkt der disziplinären
Macht. Sie wird durch eine
Wechselwirkung zwischen der
disziplinären Macht und des
anthropologischen Wissens, das
sich erst im Laufe der 19.
Jahrhundert artikuliert,
produziert. Die Analyse Foucaults
scheint für seine Gegner die
Unvermeidlichkeit dieses
Folgezusammenhangs zu bedeuten. Er
is für sie in fast
macchiavellistischem Sinn der
Philosoph der Macht: zynisch,
fatalistisch und konservativ. In
seinem Denken ist ihrer Meinung
nach kein Platz für die
Veränderung der Gesellschaft durch
Widerstand. In diesem Text wird
versucht das Argument der Gegner
Foucaults zu widerlegen. Das
bedeutet, Foucault wird
präsentiert als der Philosoph des
Widerstands. Es wird also ein
anderes Wahrheitsspiel gespielt.
Dazu erörtere ich zunächst die
Beziehung zwischen Macht und
Freiheit. Weiter analysiere ich in
systematischer Weise den Begriff
des Widerstands, der implizit im
Denken der Macht anwesend ist.
Danach wird met Hilfe dieser neuen
Begriffe eine sehr beschränkte
Analyse neuere gesellschaftlicher
Entwicklungen in der
abenländischen Kultur ausgeführt.
In dieser Analyse wird Foucaults
Einsatz als Historiker als
Hersteller "einer Geschichte der
Gegenwart" gepruft. Zum Schluss
skizziere ich eine Perspektive für
ein positives Verständnis der
Momente des Widerstands. Dazu
benütze ich einen Begriff aus den
letzten Büchern Foucaults, nämlich
den Begriff des Lebensstils.
1.
Macht
Zuerst
aber einige kurze Bemerkungen über
die Art der Machtwirkungen in der
modernen Zeit. Über die
Möglichkeitsbedingungen der
modernen Erfahrung sprechen,setzt
aber schon ein Distanz zur
modernen Epoche voraus. Gerade
durch diese Distanz zur modernen
Zeit wird das Denken Foucaults
ermöglicht. Er spricht in Surveiller
et punir im Falle der
modernen Selbsterfahrung als
delinquenter Erfahrung von einer
"mode d'assujettissement
spécifique" einem spezifischen
Modus der Unterwerfung, in dem man
den Begriff "Subjekt" auf
zweierlei Weise verstehen soll. In
einem Text von 1980 beschreibt er
dies in folgender Weise: "There
are two meanings of the word
"subject to someone else by
controle and dependence; and tied
to his own identity by a
conscience or selfknowledge."
Diese doppelte Bedeutung als
Unterwerfung und zum Subjekt
gemacht sein ist sehr wichtig. Sie
zeigt die positive und produktive
Wirkung der Macht in disziplinären
Praktiken, namentlich in Familie,
Schule, Fabrik, Krankenhaus,
Klinik und Gefängnis. In diesen
Praktiken werden normalisierende
Machtwirkungen eingesetzt, durch
die es für das Individuum möglich
wird, sich als ein sinvolles, d.h.
normales oder abweichendes Wesen
zu erfahren. Zwischen den
Disziplinierungstechniken und den
Menschwissenschaften gibt es eine
strenge Wechselwirkung: Wissen
wird durch die Beobachtung und die
Registrierung des praktischen
Verhaltens erweitert. Dieses
erweiterte Wissen wird aufs Neue
eingesetzt, damit die Kontrolle
und Regulierung der produktiven
Kräfte optimalisiert werden Macht
und Wissen brauchen nun aber keine
wahrheitsfundierende Instanz
ausser ihrer Wechselwirkung. Die
Wahrheit sucht man nicht mehr in
einer hoheren Ordnung Logos, Gott,
Ratio sondern in der Tiefe des
Menschen: z.B. Freuds Unbewusstes.
Die Identitäten, in denen der
Mensch sich als ein sinnvolles
Wesen erfahren kann, werden in
einem Wissen produziert,in dem das
Subjekt gleichzeitig Objekt und
Ursprung dieses Wissens ist. Inden
Diskursen des medizinischen,
psychologischen, pädagogischen,
kriminologischen und
sexuologischen Wissens werden so
Identitäten produziert, die die
Erfahrung des Individuums als
normal oder abweichend zur Folge
haben. Normalität ist in dieser
Weise ein Produkt. Der Einsatz der
Menschwissenschaften in diesen
normalisierenden Praktiken ist
essentiell für die Machtwirkungen.
Macht und Wissen sind unauflöslich
miteinander verknüpft. Worauf
artikuliert sich nun diese Macht?
Auf dem Körper mit seinen Kräften
und Lusten. Sie sind das Ziel
dieser Besetzung mit Identitäten.
Mittels des anthropologischen
Wissens und in der Beobachtung und
Registrierung des Verhaltens wird
eine strenge Regulierung und
Kontrolle des Verhaltens möglich.
In dieser Beobachtung werden aber
immer wieder neue Erkenntnisse
produziert über die Art und Weise,
in der der Körper der
Disziplinierung entrinnt. Ein
erneuter strategischer Einsatz der
Macht ist das Resultat. Das
Prinzip der Macht liegt aber in
folgendem:
"La
'discipline' ne peut s'identifier
ni avec une institution ni avec un
appareil; elle est un type de
pouvoir, une modalite pour
I'exercer, comportant tout un
ensemble d'instruments, de
techniques, de procédes, de
niveaux d'application, de cibles;
elle une 'physique' ou une
'anatonomie' du pouvoir,une
technologie"
In einem Dispositiv dessen innere
Mechanismen das Verhältnis
herstellen, in dem die Individuen
sich als normal oder abweichend
artikulieren. Folglich hat es von
dieser Perspektive aus wenig zu
bedeuten wer die Macht ausubt. Die
Machtwirkungen sind also
nichtsubjektiv. Dennoch gibt es
darin eine Rationalität und
Intentionalität. Diese ist
fundiert in der Verteidigung der
auf Nutzen und Produktivität
eingestellten Gesellschaft. Dies
fordert die Neutralisierung jedes
Widerstands heraus der
unproduktiven und widersetzlichen
Kräfte des Körpers durch den
Einsatz immer neuer Stategien.
Darum ist die disziplinäre Macht
im Kern nicht ontologisch, sondern
taktisch. Sie ist kein
metafysisches Prinzip, sondern
eine nominalistische Einheit. Die
Machtanalysen Foucaults können
nicht in eine Theorie der Macht
ausmunden. Lokalität und
Spezifizität sind fundamental für
seine genealogischen Arbeiten.
2.
Freiheit
Gibt
es in einer derartigen Auffassung
der Macht noch Raum für Freiheit?
Wenn ja, wie sieht diese dann aus?
Freiheit,so schreibt Foucault,
sollte in der Existenz der Macht
mitgebracht werden. Sie ist die
Bedingung der Macht. Wenn das
Verhalten vollig der Willkür der
Anderen ausgeliefert wäre, könnte
gar keine Rede von einem
Machtverhältnis sein, sondern von
einem des Zwanges und der
Sklaverei. Jedoch, in jedem
Verhältnis der Macht gibt es ein
Element der Freiheit. Der Macht
wird durch den Selbstmord, den
Mord am Herrscher oder die Flucht
eine Grenze gesetzt. Gewöhnlich
gibt es mehrere Alternativen des
Verhaltens, obgleich diese aus der
Perspektive des Kampfes gegen
Beherrschung und Ausbeutung nicht
als Freiheit bezeichnet werden. In
den Praktiken der Erziehung,
Verheiratung und Arbeit ist der
Einsatz einer Gegenstrategie immer
möglich. Schwindel, List und
Erpressung können die Macht
wehrlos und ineffektiv machen. In
diesem allerdings sehr weiten
Sinne gibt es in einem
Machtverhältnis auch immer
Widerstand. Dieser bewegt sich in
der Randzone der Freiheit. Wenn
wir die Arbeiten Foucaults in 3
Zeitabschnitte einteilen vor 1970,
19701976 und nach 1976 dann ist es
möglich in seiner Arbeiten drei
Freiheitsbegriffe zu
unterscheiden.
A. In Histoire de la folie
beschreibt er
Internierungspraktiken der
Vernunftlosigkeit. In dieser
Gefangenschaft manifestiert sich
die Freiheit als das Wuten und
Toben des Wahnsinnigen. Der
Wahnsinnige ist souverän in seiner
Animalität.
"Au
contraire,elle (die Animalität,ho)
la (der Wahnsinn,ho) place dans UN
ESPACE D'IMPREVISIBLE LIBERTE ou
se dechaine la fureur; si le
déterminisme peut avoir pris sur
elle, c'est sous la forme de la
contrainte, de la punition et du
dressage."
Foucault verbindet weiter den
Wahnsinn sowohl mit der Wahrheit
als auch mit der Freiheit. Die
Wahrheit des Wahnsinnigen zeigt
sich in seiner absoluten Form im
Wuten und Toben. Hier berührt der
Wahnsin das Gottliche, das die
äusserste Wahrheit des Menschen
bedeutet. Der Wahnsinn kann aber
nicht über einen Diskurs verfugen,
der ihm selbst entspringt. Der
Wahnsinn zeigt sich nur an den
Zeichen des Körpers.
B. Im Falle einer anderen
abweichenden Erfahrung ist die
Möglichkeit eines Diskurses wie
bündig auch immer ganz bestimmt
anwesend. In Surveiller et
punir zeigt Foucault, wie
dasjenige, das jenseits des
Vernünftigen und des Normalen
liegt, selbst eben eine Stimme
bekommt. Er illustriert dieses
anhand einer Vernehmung eines 13
jährigen Gesetzübertreter, genannt
Béasse, durch einen Richter.
Béasse stellt dem durch Wahrheit
und Normalität gestuzten Diskurs
des Richters den Gegendiskurs
eines Gesetzübertreters entgegen.
"En
fase de la discipline au visage de
loi, on a l'illegalisme qui se
fait valoir comme un droit; plus
que par l'indiscipline que se fait
la rupture. Indiscipline du
langage:(...) Indiscipline qui est
celle de la liberté native et
immèdiate:(...) Indiscipline dans
les relations familiales:(...) Et
à travers toutes ce menues
indiscipline, c'est finalement, la
'civilisation' tout entière qui
est récusée, et la 'sauvagerie'
qui fait jour;(..)"
Dieser ist im Kern der Diskurs des
Anderen als eines Abweichenden.
Darin lehnt er jede normale
Identität ab und stellt dieser die
Positivität des Abnormalen
gegenüber: kein Haus, keine
Arbeit, keine Eltern, keine
Zukunft. Béasse verweigert
es,seine Erfahrungen des
Abnormalen als das Negative einer
Norm klassifizieren zu lassen.
Ernormiert sein eigenes
Wahrheitspiel das seinen
innerlichen Prozesses Bedeutung
gibt und eine positive Erfahrung
eines "abweichenden" Selbst
ermöglicht.
C. In den letzten Arbeiten L'usage
des plaisirs und Le
souci de soi analysiert
Foucault die antiken
Selbstpraktiken, in denen der
freie griechische Mann des 4.
Jahrhundert vor Christus sich
selbst einer Askese unterwirft,
damit er zu einem idealen dasein
gelangt. Foucault sieht, dass hier
ein ganz andere Wechselwirkung
entbehrt jeden Elements der
Normalisierung. Aber ebensowenig
handelt es sich um die
ausschliessende Wirkung des
Gesetzes. Die existierenden
Gesetze im Bereich der
Sittlichkeit spielen in dieser
Untersuchung nahezu keine Rolle.
Der Aspekt der Ethik, den Foucault
zum Thema macht, ist die
Beziehung, die das Individuum in
Bezug auf seine eigene Lust und
deren Beherrschung einnimmt. Die
Konstituierung des Individuums zu
einem ethischen Subjekt verläuft
über die Askese. In dieser
Selbstbeherrschungpraktik schafft
das Individuum sich selbst wie ein
Kunstwerk, das Nachbildung
verlangt. Diese Lebensstilisierung
ist in diesem Sinne zugleich eine
Daseinsästhetik. Es gibt hier
keinen universellen Kodex, der für
jeden gilt. Dieser wird erst mit
dem Anfang des Christentums
ermöglicht werden. Darüber hinaus
ist die Askese auf die spezifische
Situation der jeweiligen Person
zugeschnitten. Das Individuelle
und das Soziale gehen in der
Askese ineinander über:
"Mais
pour la pensée grecque de l'époque
classique, l' 'ascètique' qui
permet de se constituer comme
sujet moral fait intégralement
partie, jusque dans sa forma même,
de l'exercice d'une vie vertueuse
qui est aussi la vie de l'homme
'libre' au sens plein, positif et
politique de terme."
In dieser Verknüpfung zeigt sich
dann auch die Freiheit. Sicherlich
hängt sie nicht an der
vermeinlichen Souveränität des
Ich, das sich selbst der
Objektivität der Welt und dem
Undenkbaren des Anderen gegenüber
trotz aller beherrschung dennoch
frei und autonom denkt. In diesen
Freiheitsbegriffen geht das
Persönliche in das Soziale über.
Das Selbst wird hier eher eine
Funktion dieser Verdoppelung als
sein Ursprung. Die Beziehung zur
Wahrheit liegt in der
'Sophrosyne', dem Endzustand der
mässigung und Weisheit. Im Denken
dieser Freiheitsbegriffe sollte
man aber den Fallstrick der
Ontologisierung vermeiden. Die
vermeintliche Reinheit und
Spontanität des Wahnsinns, der
Gesetzübertretung oder des
Begehrens sind wie in einem noch
unerschlossenen Feld als Gegenbild
der Verbote anwesend. Auch sollte
man den nicht artikulierten Raum
'unter ' den Verboten nicht in
einer kausalen oder fundierenden
Beziehung zu seinen Artikulationen
denken. Zwischen beiden
Dimensionen gibt es eher eine
Wechselwirkung, die kontinuierlich
ist: die Überschreitung in die
nicht artikulierte Dimension
besteht nicht ohne die Rückkehr
zum Verbot.
3.
Widerstand
Wie
kann der Widerstand gedacht
werden? Zuerst gibt es
Widerstandsherde und keineswegs
einen totalisierten Widerstand
z.B. unter dem Banner einer
Partei. Widerstand ist keine Sache
des Alles oder nichts. Dies
verhindert aber nicht, dass der
traditionelle Widerstand der
politischen Parteien als ein
Aspekt des Widerstands durch
Foucault akzeptiert wird. Sie
nehmen ihren Platz ein im Prozess
der Befreiung als dem Kampf gegen
Beherrschung und Ausbeutung. Dies
ist aber nicht die spezifische
Perspektive, unter der Foucault
die Freihet denkt. Er
unterscheidet zwischen Befreiungs
und Freiheitspraktiken. Dort wo
der Widerstand gegen die
Beherrschung und Ausbeutung
revoltiert, spricht er über den
Prozess der Befreiung. Diese
Praktiken bewahren ebenfalls nicht
eine effektive Erfühlung des
Begriffs der Freiheit. Erst durch
die Freiheitspraktiken, die in der
Verlängerung dieses Prozess
liegen, wird der Kampf, den wir
heutzutage führen sollten,
ermöglicht.
"
Maybe the target nowadays is not
to discover what we are, but to
refuse what we are (...) The
conclusion would be that the
political, ethical,
social,philosohical problem of our
days is not to try to liberate the
individual from the state and from
the institutions,but the liberate
us both from the state and from
the type of individualization
which is linked to the state. "
In all den Wissensbewegungen steht
also eine Sache im Zentrum der
Kampf für die Erfahrung,die sich
auf wie er in La volonté de
savoir argumentiert den
eigenen Körper und seine
spezifischen Luste gründet, d.h.
in der sich "eine andere Ökonomie
der Körper und der Luste" zeigt.
Von dem Ausgangspunkt der
konkreten Gestalten des
Widerstands aus kann man die
Vielheit dieser Artikulationen
systematisch in drei Momente
auseinander legen.
A. Das erste Moment des
Widerstands liegt dann im Körper
mit seinen Wunschen oder wie es is
Surveiller et punir heisst:
im Körper und seinen Kräften,die
in diesem Zusammenhang einen
unproduktiven, verschwenderischen
und rebellischen Widerstand gegen
die Disziplinierung und die
Normalisierung leisten. Die
Disziplinierung ist eine
antinomadische Technik, die das
Ausschweifende, das Nomadische zu
fixieren und zu regulieren
versucht. Sonst wo nennt Foucault
dieses nomadische auch die
'Plebs': "(...) die Existenz oder
Nichtexisrenz einer 'Plebs' als
der ständigen und immerfort
stummen Zielschreibe der
Machtdispositive." Und aufs Neue
warnt er vor der Gefahr der
Ontologisierung dieses Begriffes.
Eher geht es um "etwas
'Plebejisches", das sich nicht nur
im gesellschaftlichen Körper,
sondern gleichwohl auch im
individuellen Körper manifestiert
wie ein zentrifugales Moment, eine
Grenze, die nicht als der Macht
äusserlich, sondern gerade als ihr
notwendiges Limit gedacht werden
soll. In der Besprechung der
Freiheitsbegriffe erhielt dieses
este Moment seinen Ausdruck in der
Freiheit des Wahnsinnigen. Dies
ist indessen ein Grenzfall. Er
zeigt das Körperliche in seiner
zugespitztesten Form: der
Wahnsinnige hat keine Ahnung von
seinem Zustand. Die Subjektivität
wird im Exzess vollig ausgewischt.
Das Subjekt fällt mit seiner
Raserei zusammen. Ist es möglich,
das Körperliche in weniger
exstatischen Formen zu denken?
Ohne den Versuch einer
Systematisierung zu machen und auf
die Gefahr hin, eine allzu grobe
Vereinfachung vorzunehmen, könnte
meiner Meinung nach dieser
körperliche, nicht subjektive
Widerstand wiedererkannt werden in
dem amorphen Unfrieden, der sich
in den Körper einschleicht,wenn
die körperlichen Wünsche nicht
mehr gültig unter den durch die
Macht produzierten Identitäten als
sinnvoll und bedeutend erfahren
werden können. Dies is der
Unfriede des Homosexuellen, der
Hausfrau oder des Pubertierenden,
der sich, als von ausserhalb der
Identität, dem Individuum
aufdrängt. In dieser sich
aufdrängenden Bewegung wird das
Ich aufgebrochen und zerstuckelt
durch entgegengesetzte Begierden.
Die Macht wird versuchen, diese
Unlust durch neue Identitäten zu
regulieren, damit die Kohärenz der
Innerlichkeit widerhergesellt
wird. Ein neues subjektzentriertes
Wissen wird dazu eingesetzt.
B. Wenn man vor der Macht als
Normalisierng ausgeht, lässt sich
das zweite Moment des Widerstands
denken als die Verweigerung der
normalität. Das Körperliche lässt
sich in erster Linie auf der Ebene
des denkenden Subjekts nur unter
der NormAbweichung Opposition
denken. Der plebejische Aspekt des
Verhaltens ist als solcher sinnlos
und chaotisch. Er hat einen
dezentrierenden Einfluss, der das
Subjekt vom Grund seiner Existenz
auch nicht als sinnvoll erfahren
kann. Am Beispiel des 13 jährige
Gesetzübertreters Béasse ist
dieses Moment schon bei Foucault
als der Raum der Freiheit
umschrieben. Der nomadische Aspekt
erscheint explizit in seinem
Verhalten. Auch zeigt er sich als
das absolute Nein gegen den Sex.
Diese spezifischen Verweigerungen
sind Teile einer allgemeinen
Bewegung,die den heutigen Kampf
kennzeichnet: Der Verweigerung
unserer Subjektivität. Diese
Verweigerung ist aber nur eine
Seite der Medaille.
"We
have to promote new forms of
subjectivity through the refulsal
of this kind of individuality,
which has been imposed on us for
several centuries."
Die Umkehrung, die darauf folgen
muss, ist notwendig und zeigt die
Überwindung des Nihilismus und die
Überschreitung der Normabweichung
Opposition. Auf das radikale
Neinsagen folgt das kreative,
werteschaffende Jasagen zum
Anderen. Am Beispiel Béasses
können wir den zweiten Schrift
schon ausgedeutet finden: Bèasse
stellt seinen eigenen begrenzten
Diskurs der Illegalität dem
Diskurs des Richters gegenüber.
Darin wird seine Erfahrung nicht
als eine Erfahrung der Abweichung
dargestellt,sondern als Posivität
bejaht, und zwar so, dass sie
nicht mehr auf die Positivität der
Norm bezogen wird. Die Wahrheit
Béasses ist ein selbst
stilisierter Wert, der keinen
universellen Anspruch erhebt. Es
handelt sich hier um eine
schaffende Wahrheit, die sich in
der Intensität des Daseins
fundiert und affirmiert. In diesem
neuen Wissen, das sich im
Gegendiskurs artikuliert, wird die
NormAbweichung Opposition
überschritten. Die Wahrheit der
Norm steht de Wahrheit der
Abweichung nicht mehr gegenüber.
Beide stehen nebeneinander, ohne
dass es noch eine oppositionelle
Beziehung gibt. Die Differenz
bleibt bestehen. Der grosse Gefahr
des Widerstands liegt in der
Verketzerung des vorherigen
Normalen durch den Abweichenden.
Dann wird die affirmierte
Positivität der Abweichung wider
zur Norm erhoben. Die vorherige
Norm wird als die abweichende
Erfahrung abgelehnt. Der
prinzipiell nomadische Aspekt wird
vernichtet, die Widerstandsherde
aufs Neue totalisiert und neue
Identitäten, die unter dem Schein
der `Alternative' die Wahreit
einfordern, ermöglichen eine
erneute Disziplinierung.
C. Das dritte Moment des
Widerstands zeigt sich
schliesslich im Einsatz des neuen
Wissens in Selbstpraktiken. Darin
explizitiert sich die Beziehung
zwischen Widerstand und Wahrheit.
Denn Widerstand impliziert immer
eine Wahrheitspolitik, die sich
auf die Sabotage der
subjektzentrierten Evidenz richten
soll, in denen die universelle
Wahrheit des Menschen artikuliert
wird. Diese letzteren
problematisieren ist der erste
Schritt der Entwicklung eines
neuen Wahrheitsspiels. Der Einsatz
neuer Wahrheitsspiele in
Selbstpraktiken offnet den Weg zu
einer neuen Selbsterfahrung. Es
ist wesenlich dass die Wahrheit
des Menschen nicht aufs Neue im
Ich begründet wird. Die Spaltung
zwischen Innerlichkeit und
Ausserlichkeit verschwindet in
diesen Selbstpraktiken. Es
eröffnet sich eine Erfahrung, in
die der Andere primär einbezogen
ist als einer, der prinzipiell
eine Positivität darstellt. Im
Verschwinden de Subjektivität als
Ursprung der Welt, verschwindet
auch die Objektivität dieser Welt
und das Unzugängliche des Anderen.
Aus systematischer Perspektive
kann mann im heutige Widerstand
also drei momente unterscheiden:
den nichtsubjektiven Widerstand
des Körpers, die Verweigerung von
Identitäten und die darauf
folgende Entwicklung eines neuen
positives Wissens und den Einsatz
dieses Wissens als eines
Wahrheitsspiels in
Selbstpraktiken. In diesen
Praktiken wird ein Wissen des
Anderen artikuliert und werden
norminalisierende Identitäten aufs
Spiel gesetzt. Die Verschlingung
dieser drei Momente macht übrigens
einen strengen Unterschied der
drei Formen des Widerstands
unmöglich. Jeder Widerstand hat
teil an den drei Momenten. So kann
Foucault die These aufstellen,
dass in der gesellschaftlichen
Wirklichkeit der Widerstand sich
dann auch überall artikuliert und
sich in jeder Materialität
befestigt. Am Anfang als der
nichtsubjektive Widerstand des
Körpers mit seinen Lusten. Jeder
Widerstand ist aber verknupft mit
der Weise,durch die er durch die
Macht aufgerufen wird. Dadurch
gibt es ebenso wie im Falle de
Macht keine Theorie des
Widerstands.
4.
Die heutigen Gestalten des
Widerstands
Wir
gehen davon aus, dass Foucault
Bemerkungen über "das Schreiben
einer Geschichte der Gegenwart"
ernst zu nehmen sind. Ist es
möglich, um mittels dieser neu
entwickelten Begriffe
Entwicklungen in der Gesellschaft
der letzten 40 Jahre aufs Neue aus
der Perspektive einer neuen
Selbsterfahrung zu deuten? Kann
das Denken der Macht und die
daraus folgende Analyse des
Widerstands und der Freiheit
mögliche Ausgangspunkte ergeben
für eine neue Bedeutung
abweichender Verhaltensformen? Ich
glaube, dass das so ist. Es ist
aber klar, dass eine solche
Deutung notwendig provisorisch und
unsystematisch sein wird. Den
vorherigen Analysen gegenüber
entbehrt deshalb die folgenden
einen systematischen Charakter; in
ihren aktuellen Gestalt gehen die
Momenten des Widerstands
durcheinander, oder sie sind nur
teilweise anwesend. In diesem
Abschnitt geht es nur darum,
aktuelle und konkrete Gestalten
aufzufinden, die es möglich
machen, die Aussage "der
Widerstand ist überall" zu denken.
Zuerst sollten die Entwicklungen
mittels der Begriffe `souveräne'
und `disziplinäre' Macht geprüft
werden. Wie ist der traditionelle
Widerstand der radikalen Gruppen,
der politischen
Oppositionsparteien, der
Gewerkschaftsbewegungen von der
Dichotomie dieser beiden Begriffe
aus zu denken? Denn trotz des
augenscheinlichen Verschwindes der
äusserlichen Zeichen der
souveränen Macht funktioniert
diese Macht noch immer. Dies
ergibt sich namentlich aus der
Weise in der sich der
traditionelle Widerstand
artikuliert und gruppiert. Ihr
Stategien sind ja auf ein
Machtskonzept bezogen, das sich
vollig an der Legalität und den
Gesetz orientiert.
"Mir
scheint, dass man allzu oft und
nach dem Modell, das durch das
juridischphilosophische Denken des
16. und 17. Jahrhundert bestimmt
ist, das Problem de Macht auf das
Problem der Souveranität
beschränkt hat:(...)"
Der Widerstand, der sich von
diesem Konzept aus auf die
Bekämpfung der Macht richtet, ist
durch das Interesse am Staat als
dem exklusiven Zentrum der Macht
gekennzeichnet. Dieser Widerstand
wird aber gleichzeitig von
disziplinären Machtwirkungen
geprägt. In der Distanz zur
modernen Zeit, in der wir uns
befinden, haben diese
disziplinären Machtwirkungen noch
immer obgleich allmählich weniger
einen Zugriff auf unsere Körper
und unser Begehren. Die Art und
Weise, in der die Medien als
Exponenten dieser Disziplinierung
eingesetzt werden, zeigt dies
überzeugend. Eine neue Beziehung
zwischen Macht und Wissen
offenbahrt sich aber in den
Praktiken, die u.a. durch die
Einflusse der Gegenbewegungen der
60er Jahre auf dem traditionellen
Gebiet der Politik in Gang gesetzt
worden sind. Das ZumThemaMachen
der Abweichung und die Entwicklung
von Praktiken, in denen eine
positive Erfahrung der vorherigen
Abweichung ermöglicht worden ist,
zeigt die Grenze der Wirkung der
Souveränen und disziplinären
Machtwirkungen. Wohlan, dieser
Gedanke soll im folgenden genauter
ausgearbeitet werden, indem klar
gemacht wird, dass es zwischen die
Aktivitäten traditioneller
politischen Gruppen (Parteien,
Gewerkschaften), den
Gegenbewegungen der 60er Jahre,
den radikalen Splittergruppen wie
der RAF, den neuen Lebenspraktiken
der Jugendlichen, Frauen und
anderer vorher als abweichend
gekennzeichneter Menschen
systematische Beziehungen gibt.
Seit dem zweiten Weltkrieg zeigt
sich, dass die sozialen und
politischen Programma der
Politischen Institutionen nicht
durchfürbar sind. Die Programma
und die daraus entwickelten
Stategien des Widerstands in der
Form der Parteipolitischen
Opposition und der Gewerkschaften
leiden an demselben Ubel. Aber es
ergibt sich immer wieder eine
Umgruppierung und nachträgliche
Programmierung, in die immer
wieder dieselben, konkreten
Versprechen aufgenommen werden.
Die Stategie des Formierens einer
Gegenmacht, die Erstellung
strenger Planungen und konkreter
Programma, die Ausschliessung oder
Totalisierung aller dissidenten
Formen des Denkens in einer neuen
Partei, dies alles sind
Ausserungen eines Einheitsdenken,
die sich mittels einer Norm im
gesellschaftlichen und
individuellen Körper festhaken.
Abermals, Foucault verneint den
Wert dieses Widerstands nicht. Er
ist sich aber der Beschränkungen
bewusst. Seiner Meinung nach
beruhen die Begriffe `Ideologie',
`Klassenkampf', `Utopie' und
`Entfremdung' nicht auf einer
adäquaten Analyse unserer heutigen
gesellschaftlichen abenländischen
Wirklichkeit. In den Ländern der
dritten Welt mag der Kampf gegen
Vergewaltigung und Ausbeutung aber
noch eine fundamentale Bedeutung
haben. Namentlich in der 60er
Jahren hat das Geschäft der
Politik eine vielfältige Gestalt
bekommen. Sie ist ausserhalb der
gebahnten Wege getreten. Aber
welcher Wirkung gemäss sind die
Gegenbewegungen möglich geworden?
Man sollte ihre
Möglichkeitsbedingungen zunächts
in der Wirkung disziplinärer
Machtwirkungen suchen, durch die
Identitäten Produziert worden
sind, die unsere moderne Erfahrung
konstituiert haben. Gerade in dem
Widerstand gegen die Norm un das
Einheitsdenken, in der Opposistion
gegen Ausschlliessung des Anderen
als abweichenden. Aber was ist
diese verblassende, moderne Norm?
In seiner idealen und umfassenden
Form: der menschliche,
vernünftige, erwachsene, gesunde,
rechtschaffene, arbeitende,
heterosexuelle, verheiratete,
monogame, Kinder produzierende
Mann. Die Nachtkriegsbewegungen
des Widerstands scheinen allen auf
denselben Terminus dieser Norm
gepfropft zu sein: vom
Unweltschutz und der ökologischen
Bewegung über die AntiPsychiatrie
und Expatientenkollektiven bis zu
den vielfältigen Formen der Frauen
und Homobewegung. Die
Möglichkeitsbedingung dieser
Bewegung ist als des zweite Moment
des Widerstands anzuerkennen. In
jeder Bewegung ist der amorphe
unfriede des Körpers, folglich der
Ausschliessung der Abweichung, als
Widerstandsherd radikalisiert.
Allmählich erförderte jede
Bewegung die Positivität der
"abweichende" Erfahrung und hat
versucht ein Denken zu entwickeln,
in dem die Abweichung von der Norm
abgelöst worden ist.
"Mit
diesem Kampf, dessen Ziel sie
genau kennen und dessen Methode
sie bestimmen können, treten sie
in den revolutionären Prozess ein.
(...) Die Frauen, die Gefangenen,
die Soldaten, die Kranken in den
Spitälern, die Homosexuellen
kämpfen nun gegen die jeweiligen
Formen von Macht, Zwang und
Kontrolle, denen sie ausgeliefert
sind. Solche Kämpfe gehoren zur
revolutionären Bewegung, wenn sie
nur radikal und kompromisslos
sind."
Die Experimente des Widerstands
steigern sich. Der traditionelle
politische Widerstand assimiliert
allmählich die neuen Formen:
Aussenparlementarischer Aktion
wird von Parteien und
Gewerkschaften immer mehr Beifall
gespendet. Die inhaltliche
Bestimmung der politischen
Programma von den Gegenbewegungen
aus wird grösser. Einerseits
zeigen die Programma der
Gegenbewegungen eine Offenheit,
anderseits werden die Aktionen
durch Spezifizität, Konkretheit
und Kurzfristigkeit
gekennzeichnet. Dort wo es keine
Assimilierung des Widrstands gibt,
radikalisiert sich der Widerstand
und verschiebt sich der Charakter
des Widerstands gegen dei Norm
wieder zum Kampf gegen das Gesetz
und den Staat. Die Ideologie und
die Struktur des Kampfes von
Gruppen wie der RAF und der Roten
Brigaden in Italien gründen sich
auf das Modell der souveränen
Macht. Die Macht des Gesetzes und
der Norm scheint zwar auf lange
Sicht auf die Gegenbewegungen
wieder Griff zu bekommen, aber
viel mehr als die legale
Ausschliessung ist es die
disziplinäre Normalisierung
innerhalb der Bewegung selbst, die
die zu Stande bringt. Die Macht
der Norm reguliert den Widerstand
durch neu produzierte Identitäten.
Die Vereinnahmung von
Gegenbewegungen durch die
politischen Parteien hat wichtige
Konzequenzen für das Betreiben
einer Politik. Vielleicht gibt es
gar keine strenge Politik mehr.
Und wenn die politik in modernen
Sinne erst nach der Französischen
Revolution am Anfang der 19.
Jahrhundert ermöglicht worden ist,
dann kann dies für Foucault nicht
anders bedeuten als das Ende der
Politik. Eine neue "politische"
Analyse wird notwendig.
"Ein
solche Analyse darf nicht mehr
einer individuellen
Schuldzuweisung opfern (...); man
darf sie auch nicht durch einer
jener Verschiebungen umgehen, die
man heute gern praktiziert: all
das leitet sich ab von einer
Warenökonomie oder von der
kapitalistischen Ausbeutung oder
ganz einfach von dieser verfaulten
Gesellschaft (...). Die politische
Analyse und Kritik sind zu einem
guten Teil noch zu erfinden aber
zu erfinden sich auch die
Strategien (...) Wenn
"Politisierung" heisst, dass man
auf vorgegebene Alternativen und
Organisationen all die
Kräfteverhältenisse und
Machtmechanismen zurückfuhrt, die
von der Analyse freigelegt werden,
dann ist sie nicht der Mühe wert.
Den grossen neuen Machttechniken
(...) muss sich eine Politisierung
entgegen setzen, die neue Formen
haben wird."
Der Ablehnung der Voraussetzungen
des traditionell politischen
Widerstands durch die
Gegenbewegungen kommt vielleicht
seinen bedeutungsvollsten Gestalt
in Gruppen wie Amnesty
International, Greenpeace und der
Friedensbewegung. Das letzte
Fundament der modernen Denken in
Bezug auf Legalität und
Souveränität das Territorium, die
Nation hat seine Bedeutung als
Masstab für die politischen Aktion
verloren. Das ganze Neue des
Widerstands lässt sich aber mit
den Begriffe `Souveränität' und
`Disziplin' nicht denken. Die
Sackgasse in der die
Gegenbewegungen sich heutzutage
befinden, scheint diese Behauptung
zu bestätigen. Eine vollig unklare
Radikalität in der Form von
Dogmatismus scheint einen grossen
Teil des Widerstands auf das
gleiche Niveau mit der Macht zu
bringen: die naturalistische und
fast biologistische Interpretation
des Lebens in der okologischen
Bewegung zieht faschistoide und
faschistische Elemente an, die
gewalttätige Selbstrichtung der
Instandzbesetzer macht den
Unterschied zwischen ihnen und von
de Macht mobilisierten
Prügelkommandos unklar, der nahezu
obsedierte Kampf der Frauen gegen
Pornographie hat sie in den Kreis
der reaktionäre geführt. Wenn
Foucault aber Radikalität und
Kompromisslosigkeit fordert für
den heutigen Kampf und wenn dies
nicht die Radikalität der RAF oder
leeres Prinzip ist, wo ist diese
Radikalität dann noch aufzudecken?
Ebenfalls sollte es eher eine
Verneinung als eine Bestätigung
(wie es bei der RAF z.B.der Fall
ist) des Einheitsdenken sein: eine
prinzipielle Verweigerung, die
letzte Wahrheit des Menschen aufs
Neue im Menschen zu fundieren.
Eine radikale Verweigerung jeder
Totalisierung und Reduktion des
Anderen zum Selben, der Vielheit
zur Einheit, Aber auch die
Einsicht in die Illusion einer
Planung und einer Strategie. Der
prinzipielle Vorläufigkeit der
Identität und des Ziels sollte ein
Ausgangspunkt des Widerstands
bleiben. Im Falle einer Reduktion
kompromitiert der Widerstand sich
an die Macht. Die Etiketten werden
nur umgehängt. Das zweite Moment
des widerstands das Neinsagen und
das Denken des Anderen verliert
seine Kraft, wenn es sich
totalisieren und letzlich
indentifizieren lässt. Es gibt
keine universelle Wahrheit mehr.
Das ist die Perspektive in
Foucault Bemerkung, dass der
Homosexuelle nicht ein
Homosexueller SEIN soll, aber
fortwährend einer WERDEN soll. Das
Wichtigste ist das Prozess des
werdens. Die Stilisierung des
Begehrens ist einen Prozess ohne
Ende. Sobald der Homosexuelle sich
als solcher präsentiert und
repräsentiert d.h. seine ganze
Existenz durch die spezifische Art
sienes Begehren denkt , ist er zur
Beute der disziplinären Macht und
des Modernen Diskurs des Sex
geworden. Und was im spezifischen
Sinne für die Homobewegung
gilt,gilt im gleiche Masse für die
anderen Gegenbewegungen. Gibt es
neben diesen Widerstandsherden
innerhalb der Gegenbewegungen noch
andere, die nicht auf diese
Radikalität verzichten?
Widerstandsformen in denen einer
Stilisierung des Verhaltens eine
wichtige Rolle zuerteilt wird und
in denen das dritte Moment des
Widerstands artikuliert wird? Ich
glaube, dass eine Analyse der
Jugendkulturen einen Blick auf
solche Selbstpraktiken erlauben
wurde. Von jeher ist das
Widerstandspotential unter den
Jugendlichen sehr gross. Gerade
ihre Existenz steht im
Zusammenhang mit den disziplinären
Prakiken: Das phänomen `Jugend' im
modernen Sinne ist schliesslich
eines der Produkte der
Disziplinierung dr Familie im 19.
Jahrhundert. Der Einsatz der
Strategien in der Familie von
einer durch die Macht fundierten
Biopolitik hat die Jugendkultur
als eine Widerstandsform notwendig
aufgerufen. Das Kind ist in Bezug
auf die Norm und die Abweichung
auch eine der Gestalten des
Anderen, das nie von sich selbst
aus gedacht werden kann, aber
immer auf die Norm des
vernunftigen Erwachsenen reduziert
wird. Als das radikalste Beispiel
der Jugendkulturen kann die
Punkbewegung gelten, die in der
Mitte 70er Jahre in England
anfing. Gibt es in anderen
Jugendkulturen oft noch die
Bedurfnisse einer positiven
Gegenidentität (Teddyboys,
Skinheads, Hippies oder die
Rastakultur der Reggae), die
Punkkultur wird durch die
systematische Verweigerung jeder
festen Identität gekennzeichnet.
Als Sammelpunkt aller vorherigen
Jugendstile hält der Punk die
Vielheit der Zweichen fest, ohne
sie wieder in einer neuen Einheit
zu totalisieren. Das Chaotische
manifestiert sich ebenso in ihrer
Musik, ihrer Kleidung, ihrem Tanz,
kurz in ihrem ganzen Verhalten. In
diesem Sinne ist der Punk der
Endpunkt und die Aufhebung aller
Bedeutungen. Die Verweigerung ist
total, radikal, kompromisslos.
Immer wieder ist ihre `Intention'
für das `äusserliche' Verhalten,
zuruckzufuhren auf den Schrei:
"Won`t/Want", kaum zu
unterscheiden. In diesem
Widerstand ist das erste Moment
des Widerstands expliziter
vorhanden. Immer wieder wird das
Körper mit seinen Lusten und
Kräften eingesetzt,indem neu
gestaltete Identitäten wieder
zerfetzt werden. Das Körperliche
ihrer Musik verdanken sie der
Reggae, in der wie in aller
ursprunglich schwarzen Musik die
Körper und ihre erotischen Kräfte,
ihre Luste nog eng miteinander
verbunden sind. Sind verwenden
ihre Körper direkt. Auf ihnen
schreiben sie ihre Identitäten ein
mittels körperlichen Zeichen: Die
Hahnenkammfrisur, die mit
Sicherheitsnadeln durchbohrten
Wangen, Ohren, Lippen, die
Tätowierungen und die feurigen
Farben, das Amalgam der Kleider
und traditionellen Symbole. Es
scheint, als schrieben sie ihre
Innerlichkeit auf der Oberfläche
ihres Körpern ein. Oder vielleicht
ist es ungekehrt: Ihre
Innerlichkeit und der
offensichtliche Zusammenhang der
äusserlichen Zeichen können nicht
mehr voneinander getrennt werden.
Die `äusserliche' Inkohärenz ist
gleichzeitig die `innerliche'
Inkohärenz. Eine Analyse dieses
Verhaltens in traditionell
politischen Begriffen ruft
vielerlei Probleme hervor. Das
grösste Problem ist die
Abwesenheit politischer
Integrität. Das Merkmal des
traditionellen Widerstands und der
Gegenbewegungen, die Erbschaft der
60er Jahre, ist verschwunden. Das
heisst: ist nicht mehr in
`normalen' Begriffe zu denken. In
der Perspektive der Punks verträgt
die Betroffenheit mit dem
antifaschistische Widerstand z.B.
durch musikalische Beiträge zu
"Rock against Racism" sich mit dem
Schmunk wie dem Hakenkreuz, dem
Symbol des Nationalsozialismus,
und dem Gebrauch des
Hitlergrüsses. Die Deutung dieses
Verhaltens aus der Perspektive der
politischen Integrität versäumt,
einen ganz wichtigen Aspekt zu
bemerken: die Vernichtung
traditioneller Bedeutungen und die
Entwicklung einer neuen Beziehung
zwischen `innerlicher Identität'
und `aüsserlicher Vorstellung'.
Die Einschränkung der Kriterien
des totalisierenden Denkens ist
aber auch sichtbar in der
Geschlechtsvermischung. Schon seit
längerer Zeit wird eine bestimmte
Vermischung toleriert. Von den
Punks wird die Travestie aber
weitergeführt. Gab es in den
Jugendkulturen der 60er und frühen
70er Jahre noch eine sehr strenge
Geschlechtsteilung im Verhalten
und in der Ideologie, die Punks
verneinen diese Teilung vollig.
Foucault "Nein zum König Sex"
zeigt sich vielleicht ebensogut in
dieser Verneinung der Punks als in
der neuen Praktik des Zölibat, die
durch bestimmte Teile und
Strömungen in der Homo und
Frauenbewegung propagiert wird.
Die Musikkultur kennt diese
Geschlechtsvermischung und die
damit verknüpfte Ästhetisierung
des Verhaltens schon. Der Sänger
Schauspieler David Bowie is das
Muster dieses Identitätswechsels
und dieser Geschlechtsvermischung.
Das Nein zum Sex artikuliert sich
bei ihm positiv als ein Wechsel
immer neuer Identitäten, die nicht
im hetero oder homosexuellen
Begehren zu fundieren ist. Bowie
stilisiert und spielt. Er entwirft
neue Wahrheiten, spielt
Wahrheitsspiele. Der Punk
radikalisiert bis zum Ende. Die
Extrapolation von Punkverhalten
auf eine konsistente Subjektivität
ist nahezu unmüglich geworden. Die
Opposition `Interiorität
Exteriorität' ist zerbrochen.
Dennoch drängt sich die Frage auf,
wie diese radikale Dezentrierung
auf andere Weise als in der Form
eines Grenzbegriffs einer zum
grössten Teil noch durch
disziplinären Machtwirkungen
bestimmten Gesellschaft zu denken
ist? Wenn der Punk die Gestalt des
aktiven Nihilismus ist, ist es
dann möglich seine Überwindung zu
denken?
5.
Lebensstil
Foucault
Analyse der antiken asketischen
Selbstpraktiken eröffnet meiner
Meinung nach eine Perspektive, von
der aus eine positive Stuktur
dieser Widerstandsmomente zu
denken ist Nach der Erscheinung
seiner letzten Arbeiten
wiederholten seine Kritiker ihre
Kritik, sei es in milderer Form.
Foucault Denken zeige seinen
urprunglichen bürgerlichen Gehalt
in die Analyse griechischer und
romischer Akese der Herrscher.
Denn in der Besprechung der
Selbstdisziplinierung dieser
antiken Herrscher erkannte man die
Konstituierung des bürgerlichen
Subjekts im 19. Jahrhundert. Aber
in dieser Kritik wird wieder
derselbe Fehler gemacht: Man liest
Foucault immer von einem
moralistischen Gesichtpunkt aus,
als schreibe er eine konkrete
Ethik. Zweiten ist es ganz falch,
die letzten Arbeiten als eine
Apotheose und eine Abrundung der
vorherigen Werke zu sehen.
Foucault hat eher aufs Neue eine
Lokale Analyse vollzogen. Er hat
erwas zum Thema gemacht, das nicht
eher thematisiert werden könnte:
eine neue Beziehung zwischen
Wissen und Macht. Retrospektiv ist
es möglich, auch im 19.
Jahrhundert Praktiken zu
tracieren, in denen es diese
Beziehung gab. Mann denke an das
Dandytum. Ist es dennoch
verantwortet ohne eine
moralisierende Lesung zu verwenden
, den Begriff `Lebensstil' als
eine Perspektive zu nutzen, um
heutige Entwicklungen zu deuten?
Trotz der Warnung Foucaults
erlaube ich mir, dies aufgrund der
Versuche zu tun, die Foucault
selbst ausgeführt hat. Er benützt
ihn namentlich,um eine neue
Lebensform in Bezug auf die Kultur
der Homosexuellen zu skizzieren.
Dieser Lebensstil ermöglicht es,
eine Kultur und eine Ethik zu
schaffen, in denen zwangsmässigen
Trennungen zwischen sozialen
Klassen, Berufen und kulturellen
Unterschieden durchbrochen werden
können. Dies heisst aber nicht,
dass es am Ende einen
Schmelztiegel gibt, aus den
jedermann als ein und dasselbe
Wesen mit gleichartigen Begehren
zum Vorschein kommt. Im Gegenteil:
die Differenz sollte affirmiert
werden. Es sollte eben
verschiedene Lebensstile und nicht
Den Lebensstil geben. In L'usage
des plaisirs kennzeichnet Foucault
die Freiheitspraktiken als
asketische Praktiken. Askese
sollte aber nicht in seiner
konventionellen Bedeutung des
Verzichts und der sexuellen
Abstinenz verstanden werden. Es
ist eher die Art und Weise, in der
das Individuum versucht,sein Ich
fortwährend aufs Spiel zu stellen,
es zu ändern und zu überwinden.
Die Anderen sind an diesem Prozess
der Änderung unmittelbar
beteiligt. Askese ist gleichzeitig
Mässigung und Verwaltung. Die
Anderen sind keine Funktion des
Ich mehr, aber das Ich ist
vielmehr eine Funktion eines
Prozess des Werdens, der sich auf
grund gemeinschaftllicher
Lusterfahrung artikuliert.
Foucault konzipiert Lust (d.h.
plaisir) als antisignifikant des
Verlangens (d.h. dèsir), der schon
artikulierten Lust.
"Sie
(die Lust, ho) meint schliesslich
nur einen Vorfall, ich wurde
beinahe sagen,einen Vorfall,der
sich unter Umgehung des `Ich'
abspielt oder auf jeden Fall an
den Grenzen des Ich, ein Vorfall
in jenem Gebiet, das werder dem
Körper noch der Seele zugehört,
das die Trennung zwischen `innen'
und `aussen' durchbricht".
Lust ist eher ein Geschehen, das
das Ich zerfetzt. Ein Geschehen,
in dem die Subjektivität als eine
Illusion ausgeloscht wird. Die
Grenze liegt in der Extase. Der
Rausch der Wahnsinnigen ist die
Grenze dieser Erfahrung. Und hier
zeigt sich am klarsten, dass es
sich nicht um ein bürgerliches
Denken handelt. Denn dieser
Gedanke einer anderen Erfahrung
birgt etwas Gewalttätiges in sich,
das nie ausgeschlossen werden
kann. Der Einsatz des Körpers und
seiner Luste, das Werden als
primat, der Identitätsverlust als
positives Element dieser neuen
Erfahrung könnte nie in
subjektzentrierenden Kategorien
gedacht werden. Aber absolute
Freiheit der wutenden und tobenden
Wahnsinnigen ist unmöglich. Jede
Gesellschaft fordet Regeln. Es
braucht eine Ethik. Wenn es aber
möglich ist, im Denken Foucaults
eine Ethik zu finden, könnte es
niemals ein allgemeines
Regelsystem sein. Ethik ist
zunächst die Reflexion der
dynamischen Verhältnisse des
Individuums zu sich selbst in der
Askese. Nur unter den konkreten
Bedingungen einer Selbstpraktiken
ist diese Ethik substanziell zu
denken. Kodifizierung und
Universalisierung erfundener Werte
und Normen ist fundamental
unmöglich. Foucault zeigt sich in
der Analyse des Lebensstil mehr
als je zuvor als der Philosoph des
Widerstands. Nur der Einsatz einer
beschränkten Optik des Widerstands
erklärt die Beschuldigungen des
Neokonservatismus und der
Bürgerlichkeit. Es ist dieselbe
totalisierende Optik, die viele
veranlasst hat, ihn als Exponenten
eines anarchistischen Denkens zu
sehen. Beide Lesungen scheinen mir
ein mangelhaftes Verständnis der
Eigenheit von Foucaults Denken zu
sein. Der Lebensstill ist nicht
der letzte Streit um die Wahrheit.
Es is das Spiel mit und in einer
Wahrheit, mithin zwischen Werten.
Diese artilulieren sich erst der
Erfahrung des Selbst in einer
Freiheitspraktik. Aber
gleichzeitig werden sie aufs Neue
in dieser Erfahrung verschränkt.
Wenn es noch eine Moral gibt, dann
nur eine Ethik jenseits der
Ökonomie des Wahren und Falschen,
eine Ethik jenseits des Normalen
und Abweichenden. Also auch eine
jenseits von Gut und Böse.
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